Die Straße der symbolischen Leichen

15. Oktober 2002, 19:36
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15.10.2002 - Die Wahlkampfblüte, als die sich ihre Entrüstung über eine angebliche Schummelerlaubnis des Wiener Stadtschulrates entfaltete, war Elisabeth Gehrer nicht öffentlichkeitswirksam genug

Die Benita Ferrero des ostalpinen Bildungswesens holte daher auf heimischem Grund, in der Vorarlberger Zeitung "Wann & Wo - Jeden Sonntag frei Haus" -, zu einem Nachschlag aus und ließ sich im Gespräch mit einem kongenialen Interviewpartner das intime Bekenntnis entlocken: "Ich habe nie geschummelt!" Wer 's glaubt, kann nur sagen: Schade, was hätte aus ihr werden können!

Schlagzeilen machte der Vorschlag vom Wiener Stadtschulrat ein "geregeltes Schummeln" zu erlauben, behauptete "Wann & Wo", um daran die Frage zu schließen: Sind solche Vorschläge Wahlkampfblüten oder sieht die Zukunft der Schulen so aus, dass es den Schülern durch solche Aktionen immer leichter gemacht werden soll? Wenigstens zum Zwecke der Beistrichsetzung wäre hier ein wenig schummeln zu empfehlen gewesen. Und überdies: Schüler gehen bekanntlich nur selten wählen - im Schummelsumpf eine Wahlkampfblüte duften zu lassen, hätte daher nur wenig Sinn. Hingegen wäre es gewiss ein Trost, würde wenigstens die Zukunft so aussehen, dass es den Schülern durch solche Aktionen immer leichter gemacht werden soll. Aber die Lehrerin Lämpel der Nation schwingt das Rohrstaberl. Zunächst muss einmal klar festgestellt werden, dass Schummeln kein Bildungsziel ist.

Feststellen genügt ihr nicht, klar soll es auch noch sein. Ist es aber nicht. Denn nicht einmal das verworfenste Mitglied des Wiener Stadtschulrates würde Schummeln als Ziel der Bildung bezeichnen, allenfalls als einen Seitenweg zu ihr. Nicht für die Schule, für das Leben schummeln wir, sagten schon die alten Römer. Aber was sagt Gehrer? Durch Schummeln werden Leistungen vorgetäuscht. Ich bin dagegen, dass Schülern vermittelt wird, dass man mit Schummeln etwas erreichen kann.

Wieso ist sie nur bei Schülern und nicht auch bei Wählern dagegen? Wieso sagt sie: Schummeln darf weder in der Schule noch im Leben zielführend sein? Der Mann, dem die Bildungsministerin zuarbeitet, ist durch Schummeln Kanzler geworden. Und erst dieser Tage hat ihn der Herr Rechnungshofpräsident gerügt, weil er eine Budgetsanierung durch Steuererhöhungen erschummelt hat. Wenn Elisabeth Gehrer das in Ordnung findet, sollte sie wenigstens aufhören, Minderjährige mit ihren einseitigen Moralvorstellungen sittlich zu belästigen.

Wirklich stolz kann man nur auf Leistungen sein, die man selbst erbracht hat. Also worauf, wenn nicht auf Schummeln? Diese Leistung muss man selber erbringen, allein oder in Gruppenarbeiten. Das Ausmaß des Stolzes wird natürlich ein wenig davon abhängen, ob die Leistung auch zielführend war. Das darf sie aber laut Gehrer nicht sein. Na egal, Hauptsache, sie ist stolz, und zwar darauf: Auch in Österreich ist man mit der Bildung zufrieden. Das kommt allein von der Bildungsministerin. Wie ein Bildungsmonitoring zeige, halten derzeit 75 Prozent die Qualität der Bildung für gut. Als ich 1995 das Ministeramt angetreten habe, waren es erst 51 Prozent.

Geschummelt oder nicht, das ist eine Leistung, auf die sie wirklich stolz sein kann. Die Qualität der Bildung in nur sieben Jahren um 24 Prozentpunkte gesteigert! Noch zwei Legislaturperioden Gehrer im Bildungsressort, und wir haben sechs Millionen "Krone"-Leser, die zu 123 Prozent von der Qualität der Bildung begeistert sind.

Immer wieder begeisternd die qualitätsmäßige Steigerung bei den Kämpen, die nach dem Pyrrhussieg zu Knittelfeld antreten, die Welt vor den Benes-Dekreten und die Ehre der Ulrichsbergkameraden zu retten.

In "Zur Zeit" beschwor Carl Gustav Ströhm die schrecklichen Gefahren, denen europäische Abgeordnete ausgesetzt sind. Wie schön könnte man auf europäischer Ebene parlamentarisch wirken, wenn da nicht ständig die Benes-Dekrete wie ein Damoklesschwert über dem europäischen Parlamentarier-Leben hängen würden.

Die Benes-Dekrete wie ein Damoklesschwert, und das auch noch über dem Leben von Peter Sichrovsky - eine Situation, die Jörg Haider vor lauter Schreck bestimmt ins Danaidenfass hüpfen lässt. Aber keine Sorge, bald hat der gewesene Generalsekretär auch diese Tantalusqual überstanden. Wenn er jetzt nur unter dem Damoklesschwert sitzen bleibt und nicht auf die Idee kommt, in unser nördliches Nachbarland zu reisen. Dort sieht es schrecklich aus. Mit einem Schlage zerreißen die schönen Wortkaskaden über die Einheit des Kontinents und die "Versöhnung" von Völkern und deren Staaten. Die unbestatteten Leichen liegen symbolisch auf den Straßen Böhmens und Mährens.

Kleiner, aber durch keine symbolische Bestattung beiseite zu schaffen, sind die Probleme auf dem Ulrichsberg. Vor allem: Mangel an Jugend. Womit auch eines der Probleme für die Zukunft ganz klar herausgestellt werden muß: Das Sterben der Kriegsgeneration und somit die Jahr für Jahr stark verminderte Teilnehmerzahl.

Jetzt nur keine Panik, ein kleiner Weltkrieg macht 's wieder gut.

(DER STANDARD, Printausgabe vom 15.10.2002)
Von Günter Traxler
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