Kommentar: Rotes Signal für die Bahn

14. Oktober 2002, 19:26
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Es liegt nahe, dass im ÖBB-Konflikt Wahlkampfspielchen laufen - Von Luise Ungerboeck

Die Eisenbahner proben wieder einmal den Aufstand. Anders als bei der Ausgliederung, als die ÖBBler zu einem Bummelstreik aufriefen, um gegen den Abbau von bis zu 20.000 Jobs mobilzumachen, geht es diesmal um vergleichsweise wenig: Die Bahnbosse unter Rüdiger vorm Walde wollen, dass bis 2007 weitere 7000 Mitarbeiter "abfahren". Der Hebel zur Verhinderung des Plans sind die Überstunden, von denen sich laut Gewerkschaft rund sechs Millionen angehäuft haben.

Wie immer, wenn die Eisenbahner Muskeln zeigen, ist Vorsicht geboten. Denn angesichts heruntergekommener Bahnhöfe und verdreckter Züge will in der Öffentlichkeit niemand so recht glauben, dass sich Schaffner & Co ihr vergleichsweise kurzes Arbeitsleben lang tatsächlich überarbeiten. Zudem sind Überstunden nicht wirklich ungeliebt, sondern oft eine willkommene Aufbesserung der teils niedrigen Gehälter.

Den Bahnfahrern stößt sauer auf, dass die obersten Lokführer seit Jahr und Tag Reformen versprechen, davon aber kaum etwas zu spüren ist. Das Personal ist so unfreundlich wie eh und je und die Ausrüstung in erbärmlichem Zustand. Zwar ist es nicht in Ordnung, dass die Lokführer bis zum Gehtnichtmehr Überstunden machen. Aber warum gibt es zum Beispiel kein elektronisches Zugsicherungssystem, das die Sicherheit erhöhen und mehr Züge auf die Gleise bringen würde? Der Aufsichtsrat hat die Auftragsvergabe vor fast einem Jahr genehmigt, geschehen ist - nichts. Mehr Züge würden aber die Frachtkapazitäten erhöhen, Ertrag bringen und die Produktivität steigern.

Es liegt also nahe, dass Wahlkampfspielchen laufen: Die roten Eisenbahngewerkschafter wollen ihre Klientel mobilisieren, das unter Druck geratene Management will dagegen bei der Regierung punkten. Die rote Karte gebührt beiden. (DER STANDARD, Printausgabe 15.10.2002)

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