Kopf des Tages: Umberto Agnelli

14. Oktober 2002, 19:16
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Der Bruder des Patriarchen behält bei Fiat schließlich Recht

Vier Jahre nach dem Krebstod seines Sohnes Giovanni Alberto, im August 2001, nahm Umberto Agnelli am Jahrestreffen der mächtigen italienischen katholischen Laienorganisation Communione e Liberazione teil. Er, die Nummer zwei des 180-köpfigen Agnelli-Clans, der heimlichen königlichen Familie Italiens, war ein hofierter Gast. Dann sprach ihn der TV-Journalist Mauro Mazza mit den Worten "Presidente, ich will Sie nicht verletzen, aber . . ." das erste Mal öffentlich auf seinen verstorbenen Sohn an.

"Don't forget you're an Agnelli"

Umbertos Gesicht zuckte nur kurz. Bei seiner Antwort, ungewöhnlich persönlich, kämpfte der mächtige Industriekapitän, Chef der familien- eigenen Holdingunternehmen, sichtlich seine Gefühle nieder, so Augenzeugen. Um schließlich einzugestehen, dass schon die Englischlehrerin den Kindern Eduardo Agnellis, Sohn des Fiat-Gründers Giovanni, eingetrichtert hatte: Ob große Freude oder große Schmerzen, "don't forget you're an Agnelli".

Umberto Agnelli, seit den Fünfzigerjahren "secondo signore" hinter seinem glamourösen Bruder Giovanni ("Gianni"), ist jetzt, da der Ältere krebskrank im Sterben liegt, bestimmendes Moment in der Fiat-Krise. Die mächtigste Familie Italiens wird keine Autos mehr bauen. Das ist fix. Gianni schlug noch im Vorjahr bei der Aufsichtsratssitzung mit seinem Gehstock auf den Tisch und rief, die Agnellis würden in der Fabbrica Italiana Automobili Torino "ewig" Autos zusammenbauen. Umberto hingegen war schon im Jahr 2000 der Meinung, man sollte die Autosparte komplett an General Motors verkaufen. Damals wären zwölf Milliarden Euro zu lukrieren gewesen, heute sind es fünf Milliarden.

Kompetenz

Umberto, geboren 1935 in Lausanne, studierte wie sein Bruder Rechtswissenschaften. Im Gegensatz zum Älteren, der an der Seite von Anita Ekberg und anderen Schönheiten ihrer Zeit die Klatschspalten bevölkerte, begann Umberto sofort nach dem Studium im Konzern wirklich zu arbeiten. Neben dem Präsidentenamt beim Fußballklub Juventus Turin (er folgte seinem Bruder) machte er die konzerneigene Versicherung S.A.I. zu einer der größten Italiens. Auch bei Fiat in Frankreich und der damaligen Tochterfirma Piaggio (Vespa) - seine erste Frau war Antonella Bochi Piaggio - bewies er Kompetenz. Dennoch wurde er stets übergangen, wenn es um die Nummer eins ging. Umbertos Sohn war vor seinem Tod auserwählter Erbe des Patriarchen. Danach zog auch der blutjunge John Elkann, Giannis Enkel, an Umberto vorbei in den Vorstand.

Jetzt holen die Auswirkungen der zahlreichen unternehmerischen Fehler Giannis - etwa bei der Modellpolitik - den Konzern ein. Umberto wusste es stets besser. Doch Charisma siegte vor Betriebswirtschaftskenntnissen. (Leo Szemeliker, DER STANDARD, Printausgabe 15.10.2002)

  • Im Schatten des charismatischen großen Bruders: Umberto Agnelli.
    grafik: derstandard

    Im Schatten des charismatischen großen Bruders: Umberto Agnelli.

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