Nachlese: "Selbst wenn es der Wahrheit näher kommen sollte . . ."

14. Oktober 2002, 18:51
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Ein Kommentar der anderen von Walter Baier von Dezember 2000 zu "Schüssels Opferbegriff"

Die entlastende Selbstdefinition Österreichs als "Antithese zum Nationalsozialismus" hatte 1945 unter dem Aspekt der Wiedererrichtung der Unabhängigkeit und möglicherweise als ein - in vieler Hinsicht noch heute uneingelöstes - Versprechen für die Zukunft seine Berechtigung. Zur Bewertung jener Entwicklung, die dem "Anschluss" vorausgegangen war, und insbesondere der christlich-sozialen Ständediktatur ist sie allerdings nur durch Manipulation aufrechtzuerhalten.

Ein Beispiel: Der spätere Bundeskanzler Alfons Gorbach, nach dem Krieg Verbindungsperson zwischen der ÖVP und den "Ehemaligen", warnte in einem Gutachten seine Parteifreunde vor der Veröffentlichung der Memoiren eines Alfred Persche, zwischen 1936 und 1938 SA-Führer in Wien, mit folgender bemerkenswerten Begründung: "Persches Buch ist die schlagendste Widerlegung des Rot-Weiß-Rot-Buchs der Bundesregierung und aller ihrer sonstigen Bemühungen, Beweise dafür zu erbringen, dass die illegalen Nationalsozialisten nur eine verschwindende Minorität darstellten (...) Wer Persches Buch liest, muss vom Gegenteil überzeugt sein. In unserer gegenwärtigen Lage können wir aber an einer solchen Wirkung (...) selbst dann kein Interesse haben, wenn sein Inhalt der Wahrheit näher kommen sollte als die offiziellen Darstellungen. Weiterhin bringt Persche zahlreiche neue Beweise für gewisse Verbindungen zwischen den illegalen Nationalsozialisten und der Regierung Schuschnigg (...) Es ist absolut sicher, dass die Sowjetrussen, Kommunisten und Sozialisten Persches Buch als Fundgrube von Beweisen für ihre alte Behauptung nutzen werden, dass die Führung der Vaterländischen Front und der Austrofaschismus (...) immer wieder nach Kompromissen suchten und so der braunen Diktatur den Weg bahnten."

Vor diesem Hintergrund ein Wort zu Wolfgang Schüssels Opferbegriff: Als "Opfer" des Nationalsozialismus in einem konkreten Sinn ist meiner Meinung nach nicht in erster Linie ein abstraktes Völkerrechtssubjekt ("Österreich"), zu verstehen, das 1938 tatsächlich unterging, sondern die 65.000 österreichischen Juden, die 5000 Sinti und Roma, die Tausenden Homosexuellen und die Widerstandskämpfer, denen der NS-Terror Freiheit und Leben kostete.

Diese Unterscheidung ist substanziell, hat ihnen doch der Staat, dem sie bis dahin angehörten, das elementarste aller Staatsbürgerschaftsrechte, den Schutz des Lebens, entzogen und - "um kein deutsches Bruderblut zu vergießen" (Schuschnigg) - sie mit seiner Selbstaufgabe wissentlich der organisierten Bestialität ausgeliefert. Dazu hätte Wolfgang Schüssel gegenüber der Jerusalem Post Stellung nehmen müssen.

Faktum ist: Fast 700.000 Österreicher/innen schlossen sich aus verbrecherischer Überzeugung, moralischer Indolenz oder Opportunismus der NSDAP an, der Anteil österreichischer Täter an den NS-Verbrechen war überproportional. Trotzdem blendet auch die unter anderem von Alexander Van der Bellen (STANDARD, 18. 11.) vorgetragene Antithese - ganz eins mit dem vorherrschenden Diskurs - einen wesentlichen Aspekt aus, nämlich die Realität eines österreichischen Widerstands. Schon nach dem Berchtesgadener Abkommen (12. Februar 1938) fanden in Wien kurze Streiks und Protestkundgebungen statt. Obwohl sich das Schuschnigg-Regime auch am Vorabend des Einmarsches deutscher Truppen nicht dazu durchringen konnte, die Organisationen der Arbeiterbewegung wieder zuzulassen, kam es in allen größeren Städten zu Unterschriftensammlungen und De- monstrationen für die österreichische Unabhängigkeit. Warum sind kaum Bilder dieser Aufmärsche tradiert?

Und schließlich der tatsächliche Widerstand gegen die Nazi-Diktatur, geleistet in Betrieben, KZs, in der Résistance, im belgischen, sowjetischen und US-amerikanischen Exil, im Rahmen der jugoslawischen Partisanenbewegungen. 2700 Widerstandskämpfer - mehr als die Hälfte davon Kommunisten - wurden zum Tod verurteilt. Ohne den Widerstand der Legitimisten, revolutionären Sozialisten und Christen gering zu achten, sollte jener historische Aufruf ins kollektive Gedächtnis der Nation gerufen werden, den das ZK der KPÖ in der Nacht vom 12. auf den 13. März verbreitete: "Ein freies und unabhängiges Österreich wird wiedererstehen."

Wäre es also nicht an der Zeit, die bipolare Täter-Opfer-Argumentation um den Aspekt des Widerstands zu erweitern und damit anzuerkennen, dass Menschen und politische Kräfte sich damals nicht einheitlich, sondern unterschiedlich, ja auch gegensätzlich verhalten haben?

Mag. Walter Baier ist Vorsitzender der Kommunistischen Partei Österreichs. Unveröffentlichtes Manuskript, o.Z. DÖW-Akt 1460/1 Vgl.: Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstands, Der "Anschluss" 1938. Eine Dokumentation. Wien 1988, S.77ff

Einwendungen gegen These (Schüssel) und Antithese (Van der Bellen) in der Debatte um Österreichs "Anschluss": Die Einengung der Argumente auf die Opfer-Täter-Problematik werde der historischen Realität nicht gerecht, meint Walter Baier. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 5.12.2000)

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