Das traurige Genie mit der Beulenhose

14. Oktober 2002, 19:57
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Daniel Johnston begeisterte im Flex

Wien - In Zeiten, in denen der Genie-Gedanke, der der Kunst einst zugrunde lag, von gecasteten Bands und Marketingstrategien weitgehend verdrängt ist, kann jemand wie Daniel Johnston nur als kleines Wunder eingestuft werden. Denn der Mann aus Austin, Texas, muss, gemessen an gültigen Vermarktungsparametern, im Popgeschäft als unverkäuflich gelten.

Der 41-Jährige wohnt bei seinem Vater. Er leidet an Depressionen, ist, wohl auch wegen der Medikamente, schwer aufgedunsen und übergewichtig und kommt, samt kindlichem Gemüt und Piepsstimme, in einem Outfit daher, wie man es vom klassischen Trailerpark-Bewohner erwartet: Übergrößen-T-Shirt, Beulenhose mit Gummizug und Turnschuhen.

Doch entgegen allen Vermutungen frönt Johnston nicht texanischen Kettensägen-Spielchen und übertriebener Geschwisterliebe, sondern schafft seit über einem Jahrzehnt musikalische Miniaturen, deren Klarheit und Reinheit den Werken von Hank Williams oder Brian Wilson in nichts nachstehen. Kurt Cobain bewunderte Johnston dafür ebenso wie David Bowie, der ihn heuer beim renommierten Meltdown-Festival in London präsentierte.

Am Sonntag gab dieser außergewöhnliche Künstler seine Österreichpremiere und übertraf dabei alle Erwartungen. Als das etwas verunsicherte Wesen, als das man sich Johnston vorgestellt hatte, betrat dieser die Bühne, begann mit ein paar Anfängerakkorden die Akustische zu spielen und widmete sich sofort und ohne Umweg dem zentralen Thema seines Schaffens: unerfüllter Liebe - dargeboten in zweiminütigen Einheiten.

Die Schnörkellosigkeit, mit der Johnston dieses (scheinbare) Allerweltsthema behandelte, war so pragmatisch wie ergreifend: "I love you/ I'm sure that's true/ got nothing else to do", sang er an einer Stelle, während Überzeugungsarbeit bei ihm dann so klang: "You must be wrong/ if you think/ that you don't love me."

"Bloody Rimbaud"

Diese zärtlich-naive Poesie, verselbstständigte sich permanent und führte assoziativ zu den wunderlichsten Ergebnissen. Etwa im Refrain von Bloody Rainbow, der im Songverlauf immer mehr nach "Bloody Rimbaud" geklungen hat. Diese Möglichkeit, ständig große kleine Kunst aus dem Ärmel zu zaubern, macht die Faszination aus, die von Johnston ausgeht. Als er dann auch noch zugab, eigentlich nicht genau zu wissen, in welcher Stadt und in welchem Land er sich gerade befinde, brach das wohl die letzten Herzen.

Unterbrochen von drei Kinder-Boogies am E-Piano überwältigte Johnston sein Publikum. Zugabenlos ging ein berührendes Konzerte zu Ende und mit ihm das selbst auferlegte Verbot, sich nie wieder ein Band-T-Shirt zu kaufen. (DER STANDARD, Printausgabe, 15.10.2002)

Von Karl Fluch
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