Der Prophet des Terrorismus

15. Oktober 2002, 17:39
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Umstrittener Roman von Michel Houellebecq nahm Anschlag vorweg

Der französische Skandalautor Michel Houellebecq schildert in seinem jüngsten Buch "Die Plattform" detailliert einen Terroranschlag von Islamisten auf ein südostasiatisches Tourismuszentrum. Der Roman des jungen Franzosen unterscheidet sich von dem Attentat in Bali in einem Punkt: Das beschriebene Attentat findet in dem imaginären thailändischen Strandort "Krabi" statt. Sonst ist alles wie in Kuta auf Bali: "In diesem Moment kam aus der Richtung des Freizeitzentrums eine enorme Explosion, die den Raum zerriss und lange in der Bucht widerhallte. Ich glaubte zuerst, dass meine Trommelfelle gerissen waren. (...) Die Bombe war mitten im ,Crazy Lips', der wichtigsten Bar, explodiert", liest man in dem umstrittenen Roman mit dem Grundthema Sextourismus.

Der Roman (deutsch bei DuMont) fußt ganz auf der nihilistischen Weltsicht Houellebecqs: Er zeigt einerseits die westliche Dekadenz, aber gleichzeitig auch den grenzenlosen Fanatismus der Islamisten. Letzteres hat dem Skandalautor unlängst einen Prozess eingetragen: Die Moscheen von Paris und Lyon sowie der Dachverband der französischen Muslime klagten ihn wegen Rassismus an. In einem Interview zu "Plattform" hatte Houellebecq in einer Literaturzeitschrift erklärt: "Der Islam ist überhaupt die dümmste Religion." In dem Roman lässt er die Ichfigur sagen: "Ich freue mich immer, wenn ich erfahre, dass ein palästinensischer Terrorist oder ein Kind oder eine schwangere Palästinenserin in Gaza getötet wurde."

Das Urteil des Pariser Gerichts soll nächste Woche ergehen. Einige Intellektuelle wie Salman Rushdie stellten sich in einer Petition für die freie Meinungsäußerung auf Houellebecqs Seite. Andere distanzieren sich hingegen mit dem Argument, dass der provokative Schriftsteller selbst jene "Botschaft des Hasses" von sich gebe, die er dem Islam unterstelle.

Vor einigen Tagen fand in Paris ebenfalls ein - noch nicht entschiedener - Gerichtsprozess gegen den antiislamischen Bestseller "Die Wut und der Stolz" der Italienerin Oriana Fallaci statt. So umstritten in diesen Fällen die Autorenmeinungen sind - dass Houellebecq das Attentat in Bali und die Terrorgefahr für westliche Fernostreisende vorhergesehen hat, lässt sich nicht bestreiten. (DER STANDARD, Printausgabe, 15.10.2002)

Stefan Brändle aus Paris
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    Michel Houellebecq

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