Analyse: Moskau bangt um Irak-Geschäft und Einfluss bei Arabern

14. Oktober 2002, 18:49
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Annäherung an US-Position mit Blick auf die Zeit danach

Russlands Wirtschaft braucht sowohl die arabische Welt inklusive Irak als auch die USA als Partner. Seit Wochen laviert Moskau, nähert sich Washington scheinbar an, um dann wieder seine Ablehnung gegen beziehungsweise Bedingungen für eine neue UN-Resolution zu formulieren oder diese seit neuestem nicht mehr auszuschließen. Präsident Wladimir Putins Administration ist in erster Linie eine pragmatische. Bezüglich Irak hat dies Mitte der Vorwoche Präsidentenberater Sergej Jastrschembski geäußert: "Was uns beunruhigt, sind unsere wirtschaftlichen und finanziellen Interessen."

Russlands Staatshaushalt hängt einseitig vom Rohstoffexport wie Erdöl oder Erdgas sowie vom Handel mit Waffen und Atomenergie ab. Größere Erschütterungen in diesem Bereich können fatale Folgen für Russlands Wirtschaft haben. Dies ist neben der Sorge um die Stabilität im arabischen Raum die größte Angst und somit das vorrangige Motiv, sich nicht durch offensichtliche Unterstützung der USA um die traditionell guten wirtschaftlichen Beziehungen zur arabischen Welt, vor allem mit dem Irak, zu bringen.

Lukrative Geschäfte in Gefahr

Moskau hängt nicht an Saddam Hussein, Russland will und braucht Geld aus dem Irak. Ganz abgesehen von den ausständigen acht Milliarden Dollar Schulden aus der Sowjetzeit sind lukrative Geschäfte in Gefahr. Nicht zufällig drängt Russland auf die schnelle Zulassung von Waffeninspektoren bei gleichzeitiger Lockerung des UN-Embargos. Dieses hat laut Russlands Außenminister Igor Iwanow Russlands Wirtschaft bisher Verluste von 30 Milliarden Dollar beschert.

Der Irak braucht zur Erschließung seiner weltweit drittgrößten Erdölvorkommen Hilfe aus dem Ausland. Russische Konzerne haben sich längst Förderrechte erworben und stehen mit den geplanten Investitionen im zweistelligen Dollar-Milliarden-Bereich in den Startlöchern. Seitens des Irak hat man in letzter Zeit Moskau gar mit einem kolportierten Wirtschaftsabkommen von 40 Milliarden Dollar für die nächsten fünf Jahre umworben.

Sollten die USA den Irak angreifen, fürchtet Russland nicht nur einen Ölpreisverfall und damit gewaltige Verluste bei den Staatseinnahmen. Russland sieht vor allem seine jetzige privilegierte Position im Irak durch einen von Washington geleiteten Regierungswechsel gefährdet, es sei denn, die USA würden ihm garantieren, auch nach einem Sturz Husseins nicht vom Markt verdrängt zu werden. Sehr bewusst hat der britische Premier Tony Blair vergangene Woche in Moskau mit der Aussage zu beruhigen versucht, dass die "legitimen ökonomischen Interessen Russlands im Irak" auch zu berücksichtigen seien.

Sich mit den USA gut zu stellen, gebietet aber auch die Hoffnung, dass diese künftig immer mehr Öl aus Russland kaufen. Der politische Wille seitens Washingtons wurde mehrfach geäußert, nur die Umsetzung durch private Firmen gestaltet sich bisher sehr zögerlich. In allen internationalen Fragen hat Russland seit Putins Machtantritt entweder mit dem Westen kooperiert oder gegen Ende hin seinen Protest verstummen lassen. Manche Beobachter sehen das auch in der Irak-Frage kommen. Dabei nicht das Image in der arabischen Welt zu verlieren, wäre ein weiterer Bravourakt in Putins Risikomanövern. (DER STANDARD, Printausgabe, 15.10.2002)

Eduard Steiner aus Moskau
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