Wahlkampf um Lehrling und Pensionist

14. Oktober 2002, 18:09
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Die ÖVP umwirbt mit Bus und Bündnis Jung und Alt - die SPÖ protestiert dagegen

Wien - "Nein, nicht da neben der Baustelle und dem Bagger aufstellen! Das gibt das falsche Bild." - Der Mann vom Pressedienst des Kanzleramtes will Assoziationen wie "Baustelle Arbeitsmarkt" vermeiden und verschiebt den Infostand zur Lehrlingsoffensive vom Bagger zum gelben Bus. Soll doch kein falsches Bild den Start des Jugend-Busses trüben.

Das gelingt beim Infostand. Nicht aber bei dem Häufchen junger Metaller-Gewerkschafter, die gegen die Initiative protestieren. Dass das Wirtschaftsministerium nun den "Jobs for Youth"-Bus durch Österreich schickt, um Jugendliche über Fortbildungsmöglichkeiten zu informieren und Betriebe zur Aufnahme von Lehrlingen aufzufordern, beeindruckt die Demonstranten nicht: 35.000 Jugendliche seien arbeitslos, 17 Prozent mehr als im Vorjahr, die Initiative der Regierung komme zu spät, rattern sie herunter.

Und auch Wirtschaftsminister Martin Bartenstein und Wirtschaftskammer-Chef Christoph Leitl entgegen. Die diskutieren freundlich mit den Demonstranten, preisen die neuen Initiativen zur Jugendbeschäftigung und die Bemühung mit dem Bus - während weiter hinten Bildungsministerin Elisabeth Gehrer dem Arbeitsmarktservice-Chef von den Schwierigkeiten ihres Friseurs erzählt, einen Lehrling zu finden. Dann lächelt sich Kanzler Wolfgang Schüssel durch Minister und Demonstranten und schickt für die Fotografen den gelben Job-Bus zur Lehrlingsoffensive auf die Reise. Rund zwei Monate lang, diese Woche einmal durch Wien und Niederösterreich.

Leute von der Wirtschaftskammer und vom AMS fahren mit - Schüssel nicht, denn er muss sich Montag nach den Jungen um die nächste Wählergruppe kümmern: die Pensionisten. Umringt von ÖVP-Senioren wie Gerhart Bruckmann unterzeichnet er im Kanzleramt mit Seniorenbund-Chef Stefan Knafl das "Bündnis für Senioren". Vier Seiten, rot-weiß-rot umrahmt, auf denen unter anderem Werterhalt der Pensionen und Reform der Pflegeausbildung garantiert werden. Diesmal unbehelligt von Protesten.

Denn die finden anderswo statt: Der oberste rote Pensionist, Karl Blecha, misstraut dem ÖVP-Bündnis für Senioren und will es nicht unwidersprochen lassen: Er lädt Montagnachmittag flugs SPÖ-Chef Alfred Gusenbauer in den Pensionistenverband in die Donaustadt, auf dass dieser dort seine Senioren-Versprechen ablege - etwa Abschaffung der Unfallrentensteuer oder anständige Pensionserhöhung. Beides beklatscht von den (roten) Pensionisten. (Eva Linsinger/DER STANDARD, Printausgabe, 15.10.2002)

  • Kanzler Schüssel schickt Montag mittag den Lehrlings-Bus auf die Reise. Und draußen vor der Bustür stehen Demonstranten von der Metallerjugend
    foto: standard/cremer

    Kanzler Schüssel schickt Montag mittag den Lehrlings-Bus auf die Reise. Und draußen vor der Bustür stehen Demonstranten von der Metallerjugend

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