Der Zehenmann

21. Oktober 2002, 18:42
5 Postings

Das mit der Hundescheiße, meint der Zehenmann, sei in Wirklichkeit gar kein Problem...

Die ist nämlich weich und lässt sich ganz leicht abstreifen. Weil, sagt der Zehenmann, Füße ja keine Profilsohle haben. Da könne man dann ganz leicht zuerst im Gras und dann mit ein bisserl fließendem Wasser das weiche Glück entfernen. Außerdem, meint der Zehenmann, sei Hundescheiße nicht sein größtes Problem. Barfußgehtechnisch gesehen. Viele schlimmer wären noch brennende Tschickstummel. Oder zerbrochene Flaschen und Gläser. Da habe er sich schon öfters mit Tränen in den Augen selbst verarzten müssen.

Zum Glück kann der Zehenmann das aber auch. Er ist nämlich Arzt. Fertiger Arzt, erklärt er. Aber das mit dem Barfußgehen habe mit der Medizin nichts zu tun (von der – der Medizin – hatte er aber ohnehin bald die Schnauze voll. Jetzt studiert er wieder. Mathematik. Das sei so schön theoretisch. Aber das gehört nicht hierher). Der Zehenmann geht nämlich barfuß. Überall. Und immer. Also eigentlich nur fast immer: Wenn die Außentemperatur unter drei Grad sinke, sagt der Zehenmann, zieht er doch Schuhe an. Aber dann fühlt er sich immer wie ein Gefangener – auch wenn ihn dann keiner komisch anschaut.

Jacke, Hose, keine Schuhe

Einer wie der Zehenmann fällt nämlich auf. Nicht auf den ersten Blick. Aber dann umso mehr. Weil er nämlich überhaupt nicht wie ein Freak ausschaut. Er ist unauffällig mittelgroß, schlank, hat blonde, an manchen Stellen etwas schütter wirkende Haare kreuzbiederer Länge und trägt eine Brille (die ist immer ein bissi dreckig – Menschen wie ich sind da immer knapp dran, hinzugreifen und sie ihm zu putzen). Er trägt ganz normale – jetzt gefütterte, wind- und wasserabweisende Jacken, ordentliche Angestelltenhosen, einen Rucksack (und zwar mit beiden Riemen) und – drum ist er ja der Zehenmann – keine Schuhe. Wer da einmal mit den Augen hingekommen ist, kann in der Regel nicht mehr wegschauen.

Er trage, sagt der Zehenmann, schon sehr sehr lange keine Schuhe. Wie lange, will er nicht sagen. Aber er ist jetzt 42 Jahre alt – und wenn man seine Zehen anschaut, sieht man, dass seine Füße schon lange gewohnt sein müssen, Luft und Boden zu spüren: Die Zehen stehen weit auseinander, sind kräftig und haben so gar nichts mit den verschrumpelten, zusammengedrückten Haken zu tun, die die meisten Leute in ihren Schuhen verstecken. Irgendwann, sagt der Zehenmann, habe es ihm gereicht, der Konvention des Schuhetragens genüge tun zu müssen – und seither gehe er eben barfuß. Außer an Orten, wo es als störend empfunden würde.

Fragen ist ok

Der Zehenmann ist nämlich kein Provokateur, Missionar oder Revoluzzer. Er ist nur eigen. Er predigt barfußgehen nicht – und beinahe scheint es, als wäre es ihm unangenehm, auf der Straße drauf angesprochen zu werden. Er habe, sagt der Zehenmann, nur Angst irgendwann einmal seinem Vater auf der Straße zu begegnen. Der habe echt null Verständnis für ein leben ohne Schuhe. Aber ansonsten, sagt der Zehenmann, sei das Auffallen für ihn kein Problem: Nein nein, sagt er, wenn man ihn fragt, ob man ihn was fragen dürfe, das sei ihm keineswegs unangenehm. Weil: schauen tun ja eh alle. Grinsen manche. Blöde Ansagen machen dann ganz wenige. Aber fragen, das traue sich kaum wer. Und die Kinder, die sich noch trauen würden, werden meistens von den Eltern weggezogen. Weil man doch nicht schaut, sagen die Mütter dann (und schauen trotzdem, wenn auch verstohlen). Weil man nicht fragt, sagen die Väter dann (und reden dabei erst recht, als wüssten sie alles). Fragen, sagt der Zehenmann und lächelt, sei schon ok. Nur habe er halt auch keine Antwort.

NACHLESE

--> Eine Straßenbahnfahrt
--> Kaderkaraoke
--> Die Chefsekretärin der Pressestelle lädt ein"
--> Eingetragene Marke "Fernando"
--> Kreativität braucht ein Büro
--> Das Einzelsockenmysterium
--> Abstumpfen im Hochwasser
--> Simmering unter Sternen
--> Gruß an die zugestiegenen Fahrgäste
--> Von oben
--> Trägheit und Minigolf
--> Schaumgummikünstlers Assistent
--> Starbucks ist super
--> Im Swingerclub
--> Mit dem Twingo gegen die Monotonie
--> Im Museumsfreibad
--> Watschen für Othmar
--> Weitere Stadtgeschichten...

Die wöchentliche Kolumne von Thomas Rottenberg

Dienstags auf derStandard.at/ Panorama
  • Artikelbild
Share if you care.