"Die Klügere sieht nach"

14. Oktober 2002, 14:44
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Brustkrebs: Wiener Programm zur Früherkennung und Bewusstseinsschaffung war erfolgreich

Wien - Früherkennung ist die einzige Chance auf (längeres) Überleben und mehr Lebensqualität bei Brustkrebs: Das war in den vergangenen zwei Jahren das Ziel der Wiener Kampagne "Die Klügere sieht nach", in deren Rahmen per persönlicher Einladung 194.000 Frauen zur Mammographie "gerufen" wurden. Fazit der OrganisatorInnen: 20 Prozent mehr solcher Untersuchungen, gar plus 40 Prozent bei den 50- bis 69-jährigen Frauen.

"Wir wollten mehr Bewusstsein (für Brustkrebs, Anm.) schaffen. Das ist gelungen. Die mögliche frühe Mammographie-Erkennung ist die schärfste Waffe der Frau gegen den Brustkrebs. 1999 gingen nur 47 Prozent zur Mammographie. Es ist gelungen, 20 Prozent mehr Frauen zu der Untersuchung zu motivieren", fasste am Montag bei einer Pressekonferenz die Wiener Frauen-Gesundheitsbeauftragte Univ.-Prof. Dr. Beate Wimmer-Puchinger die Ergebnisse zusammen.

Die Aktion lief von Dezember 2000 bis Juli 2002. 194.000 Frauen im Alter zwischen 50 und 69 Jahren erhielten persönliche Einladungsbriefe samt Gutschein für den/die RadiologIn. Die Wiener Gebietskrankenkasse, die Wiener Ärztekammer, die Gemeinde Wien (Krankenanstaltenverbund) und die RadiologInnen machten mit. Die WGKK hatte rund 3,2 Millionen Euro Mehraufwand.

Vermehrt Untersuchungen und hohe Treffergenauigkeit

Auf der anderen Seite stehen die eindeutigen Positiva, auch wenn manche ExpertInnen international noch streiten, was solche Screening-Programme bei Brustkrebs bringen. Beim eingeladenen Personenkreis der 50- bis 69-jährigen Frauen - sie sind durch das Mammakarzinom besonders gefährdet - ergaben sich in Wien sogar um 40 Prozent mehr Untersuchungen.

Die Abwicklung mit Zweitbegutachtung durch einen weiteren Radiologen im Verdachtsfall brachte eine hohe Treffergenauigkeit. Der Vorstand der gynäkologisch-geburtshilflichen Abteilung am Wiener Wilhelminenspital, Univ.-Prof. Dr. Heinrich Salzer: "900 der gescreenten Patientinnen wurden einer Operation zugeführt. International soll man bei fünf operierten Frauen auf einen Brustkrebs kommen. Bei uns wurden 27 Prozent der Tumoren als gutartig beurteilt, mehr als 60 Prozent als bösartig." Zehn Prozent waren Mammakarzinom-Vorstufen, die ebenfalls operiert werden müssen. Die Genauigkeit war also wesentlich höher als der geforderte Mindeststandard. Umgekehrt bedeutet das, dass vielen Frauen unnötige Eingriffe erspart werden konnten.

Tumoren früh entdeckt

Ein weiterer Vorteil: Gegenüber dem weltweit vorbildlichen Standard von an die 80 Prozent Brust erhaltende Operationen in Österreich gab es bei den als krank entdeckten Patientinnen in dem Wiener Programm noch eine weitere kleine Steigerung. Tumoren wurden auch wirklich früh erkannt: Nur bei 27 Prozent der Betroffenen waren bereits angrenzende Lymphknoten vom Krebs befallen (73 Prozent negativ, Anm.). Nur fünf Prozent der Patientinnen hatten schon Fernmetastasen. Knapp 22 Prozent der Karzinome waren noch kleiner als 15 Millimeter im Durchmesser. Das alles spricht für eine Entdeckung der Tumoren in einem frühen Stadium.

Insgesamt konnte durch die Wiener Aktion der Anteil der Frauen, die im Alter zwischen 50 und 69 Jahren binnen zwei Jahren zu einer Mammographie-Untersuchung gingen, von 47,2 auf 67,1 Prozent gesteigert werden. Besonders groß war der Anstieg unter Frauen aus sozial eher benachteiligten Bevölkerungsgruppen.

Der Obmann der Wiener Gebietskrankenkasse (WGKK), Franz Bittner: "Wenn wir die eine oder andere Frau zusätzlich erreicht haben, ist das Programm schon gerechtfertigt. Es würde mich freuen, wenn die Frauen ihre Brust so ernst nehmen wie die Sportler ihren Meniskus." Solche Vorsorgeprogramme gehörten aus seiner Sicht auch in das ASVG als Leistungen des Gesundheitssystems aufgenommen.

Empfohlene Fortführung

Für die Zukunft wird in Wien überlegt, das Brustkrebs-Früherkennungsprogramm in Stadtregionen und in sozialen Schichten weiter zu führen, in denen der dringendste Bedarf an solchen Projekten gegeben ist. Der Wiener Gynäkologe Univ.-Prof. Dr. Heinrich Salzer allerdings empfahl einfach eine (generelle) Weiterführung.

Früh erkannter Brustkrebs ist auf jeden Fall ein Vorteil für die Betroffenen. Der Wiener Onkologe Univ.-Prof. Dr. Christoph Zielinski: "Eine weniger fortgeschrittene Erkrankung bedeutet auch eine geringere Intensität an Therapiemaßnahmen. Es findet weniger Leid statt."

Ein Beispiel: Im Frühstadium eines Mammakarzinoms muss nach der Operation längst nicht immer eine belastende Chemotherapie stattfinden. Hier kann auch eine Hormonbehandlung ausreichen. Frauen, bei denen ein Tumor noch ohne Lymphknoten-Beteiligung (Achsel) entdeckt wurde, haben eine 80-prozentige Chance auf fünf Jahre Leben ohne Rückfall. Sind Lymphknoten befallen, liegt diese Rate nur noch bei 50 Prozent.

Ziel: Gesellschaftlicher Konsens

Zielinski: "Solche Früherkennungsprogramme müssen in den nächsten Jahren ein gesellschaftlicher Konsens werden. (...) Wir haben in Wien die beste Versorgung." Hingegen sei das bei jenen 30 Prozent niederösterreichischer Patientinnen, die er, Zielinski, am Wiener AKH behandle, nicht immer gewährleistet. Da müsse er zeitweise auch für die Bezahlung modernster Medikamente bei der zuständigen Krankenkasse intervenieren. So gehe es nicht. Gesundheit müsse in den kommenden Jahren oberste Priorität in Österreich haben.

Zielinski: "Ich höre vom Gesundheits-Staatssekretär (Reinhart Waneck, F; Anm.) als Radiologen nichts über die Früherkennung. Ich höre nur von der Einführung der Ambulanzgebühr." (APA)

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Weitere Informationen zu "Die Klügere sieht nach" auf der
Webseite der Stadt Wien

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