Der lange Weg von innen nach außen

24. Oktober 2002, 10:05
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Doris Mitterbacher, fm4-Wortlautgewinnerin und Rapperin, im dieStandard.at - Interview

Wien - Doris Mitterbacher aka Mieze Medusa (27) ist Hip Hop-Aktivistin und Autorin. Vor kurzem hat die gebürtige Linzerin und nunmehr in Wien ansässige Rapperin den Wortlaut-Kurzgeschichten Wettbewerb auf fm4 gewonnen. Über den vorläufigen Höhepunkt ihrer jungen Karriere und vieles mehr sprach dieStandard.at mit Mieze Medusa.

dieStandard.at: Du bezeichnest dich selber als Hip Hop-Aktivistin. Was ist das?

Mieze Medusa: Hip Hop ist mehr als nur Musik oder Rap. Es ist ein Lebensstil und in meinem Leben nimmt Hip Hop so einen großen Raum ein, dass ich mich als Hip Hop-Aktivistin bezeichne. Das heißt, ich gehe auf alle Jams, die mich interessieren, ich rede mit Leuten gerne über Hip Hop und versuche einen Meinungsaustausch zu etablieren. Das heißt natürlich auch, dass ich selber Hip Hop mache.

dieStandard.at: Bist du auch deshalb nach Wien gezogen?

Mieze Medusa: Genau. Ich habe sehr lange allein im meinem Kämmerlein vor mich hingerappt. Schlussendlich war es aber dann so weit, dass ich dachte: Es braucht jetzt ein Publikum. Mit Publikum meine ich weniger die Bühne mit mir oben und Publikum unten, sondern die Öffentlichkeit, die Wien hat.

dieStandard.at: Was passiert jetzt, nachdem du den Wortlaut-Wettbewerb auf Fm4 gewonnen hast?

Mieze Medusa: Das ist eine gute Frage (lacht). Der Gewinn war für mich sehr unerwartet, aber ich habe mich natürlich sehr darüber gefreut. Unerwartet nicht deshalb, weil ich die 'große Bescheidenheit' habe, sondern weil ich den Text in sehr kurzer Zeit geschrieben habe und ihn einfach eingeschickt habe.

Ich schreibe seit längerem an einer Kurzgeschichten-Sammlung, die ich gerne veröffentlicht sehen würde. Jetzt, nachdem ich ein bisschen Aufmerksamkeit bekommen habe, wäre die Chance sicher größer, dass das passiert. Ich persönlich bin bereit, mit meinen Texten in der Öffentlichkeit zu stehen, und die Öffentlichkeit weiß, dass es mich gibt.

dieStandard.at: In der Geschichte, die du bei Wortlaut eingereicht hast, geht es im weitesten Sinn um eine junge Frau, die sich unterprivilegiert fühlt bzw. ist. Woher kommt diese Thematik? Aus dem Hip Hop vielleicht?

Mieze Medusa: Auf die Idee wäre ich nicht gekommen, aber es stimmt irgendwie. Es ist nicht autobiographisch, ich sehe mich nicht als unterprivilegiert. Das Gedankenspiel von unterschiedlichen Gesellschaftsschichten, die nicht unbedingt am gleichen Strang ziehen, das ist etwas, das auch im Hip Hop als Thema vorherrscht. Im Prinzip geht es in der Geschichte ja um beide Frauen. Die Ich-Erzählerin hat das Gefühl, dass alles, was in ihrem Leben schief gelaufen ist, mit ihrer Erziehung und mit ihrer Gesellschaft zu tun hat. Was natürlich so auch nicht stimmt. Deshalb ist es auch eine Ich-Erzählung, man bekommt also nur die Gedanken von ihr mit.

dieStandard.at: Würdest du deine Geschichten als Popliteratur bezeichnen? Obwohl diesem Genre ja der Ruf einer gewissen Oberflächlichkeit anhaftet...

Mieze Medusa: Ich mag ja Popliteratur von Zeit zu Zeit. Für mich muss Musik, die ich höre auch nicht immer tiefgehend sein, aber meine ist eben anders. Das Wort Popliteratur ist sowieso komisch. Die Organisatorin des Literaturwettbewerbs, Pamela Russmann, meinte, sie hätte das Ganze ins Leben gerufen, weil es so wenig Popliteratur aus Österreich gibt.

Ich würde meine Sachen aber auf keinen Fall als Popliteratur bezeichnen. Trotzdem sind meine Themen sehr oft Ausgehen und auch von der Musik inspiriert. Ich führe auch den Lebensstil, den man einer Popliteratin zutraut. Ich habe studiert, habe das Studentenleben genossen, ich bin eben ein Kind meiner Zeit und das beeinflusst natürlich meinen Stil. Ganz bestimmen soll er ihn trotzdem nicht, es ist schon wichtig seine eigene Sprache zu finden. Mit Genres spielen ist gut, aber ein bisschen mehr als Genre soll schon kommen. Auch in der Musik, natürlich.

dieStandard.at: Was hast du für eine Definition von Mädchenkultur? Du bist ja bei dem Festival "Görls Cultures" in Wien aufgetreten.

Mieze Medusa: Das ganze Festival lief unter dem Motto: 'Sichtbarmachen von Mädchenkulturen'. Das finde ich sehr spannend und vor allem auch wichtig. Sehr viele von meinen Raptexten und Spoken Word-Sachen handeln von diesem Thema. Der Schritt, bis sich Frauen dazu durchringen zu sagen 'ich schreibe' ist oftmals ein langer Weg. Ich weiß das aus eigener Erfahrung, dafür brauchte ich drei Jahre und ich höre das auch oft von anderen Frauen. Ich denke mir, das müsste nicht sein. Offensichtlich ist es für ein durchschnittliches Mädchen relativ schwer, sich auf die Bühne zu stellen, weil sie meistens von Männern dominiert ist. Aus irgendeinem Grund ist die Hemmschwelle groß, ich weiß selber nicht genau, woran es liegt. Ich finde, einen Raum für Mädchen zu schaffen und eben nichts vorher zu definieren, ist ein guter Anfang.

dieStandard.at: Die Frage ist aber, ob eine Mädchenkultur, die keine gemeinsame Basis hat, den streng normierten Szenen der Jungs etwas entgegensetzen kann.

Mieze Medusa: Erstaunlicherweise scheinen Mädchen weniger schnell Netzwerke zu bilden als Jungs. Im Sinne von: 'Getragen von einem gemeinsamen Gedanken stellen wir jetzt was auf die Beine'. Meiner Erfahrung nach halten sich Mädchen sehr zurück mit dem, was sie machen. Wenn du nachfragst, geben dann viele zu, dass sie etwas machen. Unter Umständen reicht es vielleicht tatsächlich eine Bühne zu schaffen und zu sagen: 'Stellt euch da rauf, und macht das, um Gottes willen'.

So ein Festival kann natürlich nicht die Welt ändern. Aber ich denke mir: Bühnenpräsenz macht ja abhängig, zumindest war es bei mir so. Vielleicht reicht das ja, dass sich die Mädchen den Platz nicht mehr so leicht streitig machen lassen.

dieStandard.at: Stimmt es, dass es Mädchen im Hip Hop leichter haben, als Jungs?

Mieze Medusa: Der wichtige Unterschied ist, dass sie es ab einem bestimmten Punkt leichter haben. Von vorn herein natürlich nicht. Die Verteilung von Break-Dancerinnen, Rapperin, Djs, Produzentinnen in der Szene etc. ist ja zum Heulen. Wenn du dich darüber traust und sagst das mach ich jetzt, ist meine Erfahrung die, dass die Resonanz eine wahnsinnig gute ist. Ich bin nach Wien gekommen, ohne irgendjemand in der Szene zu kennen. Mir ist aufgefallen, dass die Leute auf mich offener zugehen, als auf Jungs, die nicht so bekannt sind und ebenfalls rappen..

dieStandard.at: Vielleicht liegt es ja auch daran, dass du besser als die Jungs bist...

Mieze Medusa: Man muss ganz sicher auch was können dafür. Es ist nicht so, dass man sich als Mädchen für jeden Scheiß Applaus abholt. So ist es sicher nicht. Aber man ist dann eben eine Einzelfigur und da ist der Merkeffekt schon ein ganz anderer. Es war für mich nur um einiges schwerer, dort hin zu kommen. Ich hatte keine Posse als Freundeskreis, mit denen ich in meiner Freizeit gerappt hätte, sondern ich musste das ganz alleine für mich entdecken und sagen, okay, heute treffe ich meine Freunde nicht, weil die wollen nicht rappen. Aber einem gewissen Zeitpunkt öffnen sich Türen von selber, weil du schon lange genug dabei bist und dich von dieser ganzen Männerkultur nicht abschrecken hast lassen.

dieStandard.at: Wie siehst du die Zukunft von Deutschrap?

Mieze Medusa: Viele von den Veröffentlichungen aus den letzten drei Jahren waren eine Frechheit. Weder die Raps noch die Beats waren gut gemacht. Ich sage auch nicht 'Bitte keine Sauf-Diss Raps', aber gut gemacht sollen sie dann wenigstens schon sein. Das war lange nicht so. Jetzt gehen einige Labels pleite, und dadurch bleiben natürlich auch gute Sachen auf der Strecke, aber insgesamt verträgt die Szene schon ein gewisses 'Gesundschrumpfen'. Die ganze Entwicklung hat auch den positiven Aspekt, dass sich die Leute vermehrt Gedanken machen, wie sie sich vom Rest unterscheiden, wie sie ihr Zeug trotzdem an die Leute bringen.

Ina Freudenschuß dankt für das Gespräch.

Die Präsentation der Texte und Gewinnerinnen auf fm 4

Slampoetry mit Mieze Medusa:
25.10. Bierstingl, Innsbruck
31.10.2002 Salsarena Wien,

Mieze Medusa live:
5.12.2002 im Couch Club Innsbruck

Link

mieze medusa

  • Mieze Medusa vor ihrem Auftritt bei görls cultures
    diestandard.at
    Mieze Medusa vor ihrem Auftritt bei görls cultures
  • Mieze Medusa live on stage
    diestandard.at
    Mieze Medusa live on stage
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