Ein "Niemand" und seine Informanten

14. Oktober 2002, 19:56
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Polizist wegen Amtsmissbrauch vor Gericht

Wien - Ein Wiener Kriminalbeamter muss sich seit Montag wegen Missbrauchs der Amtsgewalt im Straflandesgericht verantworten. Wolfgang G. (35) soll unter anderem Aufenthaltsbewilligungen verkauft, den angeblichen Kopf der türkischen Drogenmafia in Wien begünstigt, einen verdeckten Fahnder "verraten" und von einem V-Mann wertvolle Uhren als Geschenke entgegengenommen haben. "Das ist eine Lüge", wies der suspendierte Polizist sämtliche Vorwürfe zurück.

Doch die Anschuldigungen von Staatsanwalt Josef Redl haben es in sich. Er wirft dem Polizisten konkret vor, den mutmaßlichen Paten Adnan C. über Ergebnisse von Telefonüberwachungen und Observationen informiert zu haben und Personen in dessen Umfeld nicht verfolgt zu haben, obwohl er von Straftaten gewusst hatte. Dafür soll der Beamte insgesamt 10.392 Euro erhalten haben.

Keine großen Urlaube

Der Beschuldigte stellte das entrüstet in Abrede. Er hätte das bei seinem Einkommen gar nicht nötig gehabt: "Ich bin weder Skifahrer, noch habe ich in den letzten Jahren große Urlaube gemacht."

Adnan C. sei halt ein V-Mann von ihm gewesen - wie übrigens die meisten Personen, die in dem Strafverfahren eine Rolle spielen und den Polizisten nun belasten. "Im Umgang mit denen hat es damals keine Richtlinien gegeben. Es hat immer nur geheißen: ,Macht's!' Wenn man Erfolg hat, ist man gut", gab der Kriminalbeamte zu bedenken. Und sein Verteidiger Rudolf Mayer: "Zuerst werden sie gehätschelt. Aber ein Informant dreht sich immer nach den Mächtigen. Und mein Mandant ist ein Niemand."

Lederjacke und Uhren

Ein weiterer V-Mann des Polizisten war Peter H., ein wegen Raubes und Suchtgifthandels zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilter Wiener. Diesen soll Adnan C. nicht nur als "Geldboten" eingesetzt haben - laut Anklage überbrachte H. dem Polizisten die Beträge jeweils in "blütenweißen Kuverts". Wolfgang G. soll sich von dem V-Mann auch mit wertvollen Uhren und einer Lederjacke beschenkt haben lassen.

Der 35-Jährige wies auch diese Darstellung zurück und sprach - was die Jacke betrifft - von einem "Vertrauenskauf". "Der hat mit Waren aller Art gehandelt", so der Polizist. Zu den Uhren bemerkte er, H. habe ihm diese zunächst mitgegeben, "damit ich frage, ob sie jemand im Kollegenkreis kaufen will". Schließlich habe er selbst welche erworben: "Ich liebe Uhren."

Das Strafverfahren ist auf vier Tage anberaumt, das Urteil soll am Donnerstag gefällt werden. (APA, red/DER STANDARD, Printausgabe, 15.10.2002)

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