Romanze als Irrtum?

14. Oktober 2002, 14:23
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Nachdem immer mehr Ehen immer schneller scheitern, stellt sich die Frage nach den Gründen

Die Bedeutung der Ehe hat in den letzten Jahrhunderten einen grundlegenden Wandel durchgemacht. War es vor allem in der vorindustrialisierten Gesellschaft der (gemeinsame) Besitz (Grundbesitz, Äcker), also zumeist das blanke Überleben, auf denen die Ehen aufbauten, wurden eheliche Gemeinschaften danach auf dem romantischen Konzept der lebenslangen Liebe gebaut. Sachaufgaben traten zugunsten von Gefühlen wie Zuneigung und Vertrauen in den Hintergrund. Dabei blieb die unterdrückte Rolle der Frau natürlich bestehen. Das änderte sich erst mit der Zweiten Frauenbewegung und der Familienrechtsreform der 70er-Jahre. Und seit einigen Jahren zeigt die Scheidungsbilanz, dass das Versorgungsmodell Ehe für die Frauen ausgedient hat. Für immer mehr Frauen ist die Institution Ehe unbefriedigend; zwei Drittel der Anträge auf Scheidung werden von Frauen eingebracht.

Romanze und Realität

Das romantische Konzept der lebenslangen Liebe in der Ehe befindet sich im eklatanten Widerspruch zur Realität. Denn im öffentlichen Bereich der Gesellschaft, die sich als vernunft-, sach- und marktorientiert erweist, existieren Gefühle nicht. Diese wurden erfolgreich auf die Nebenschiene der Psychologisierung verbannt, wie die rapide Zunahme von Psychtherapien, Psychogruppen jeder nur erdenklichen Form, Mediation und dem aufstrebenden Markt des Coachings und der Supervision zeigen.

Schon in der Schule werden die Menschen auf die Arbeitswelt (wie gut oder schlecht, soll hier nicht erörtert werden) vorbereitet. Es wird ihnen für die Marktgesellschaft verwertbares Sachwissen (oder auch Unnötiges) vermittelt. Sie lernen nichts über PartnerInnenschaft, soziales Verhalten, Liebe, Umgang mit anderen Menschen. Gleichzeitig wächst die Sehnsucht in der globalisierten Kapitalwelt, die vielen übertechnisiert, kalt und unpersönlich, ja menschenverachtend erscheint, nach Glück, Geborgenheit und Wärme. Das wiederum suchen die meisten in einer Zweierbeziehung. Eine Überforderung der PartnerInnen ist die mögliche Folge. Ein romantizistischer Rausch mit Ernüchterung.

Ehefalle Alltag

Laut einer deutsch-schweizerischen Studie ist es der Alltag(sstress), der zur Abkühlung der Gefühle bis zur gänzlichen Ernüchterung führt. Die mit dem Alltag verbundenen Widrigkeiten würden das Miteinander in einer PartnerInnenschaft mehr erschweren als der Stress im Beruf oder Freizeit. Auch Stress im Zusammenhang mit der Ursprungsfamilie und mit den Kindern wirke sich weniger auf einen Trennungswunsch aus. Dabei sei die unterschiedliche Entwicklung der PartnerInnen eigentlich "ein normaler Prozess": "Verlieren sich beide aber wegen zu viel Stress aus den Augen und lassen den anderen nicht an der eigenen Entwicklung teilnehmen, so kann eine Ehe in die Brüche gehen. Zuviel Stress im Alltag schränkt das Interesse am anderen ein, erschwert die Kommunikation und mindert die nötige Toleranz. Daraus folgen eine emotionale Entfremdung, innerliche Distanzierung und Unverständnis - der schleichende Zerfall der Partnerschaft ist vorprogrammiert". G. Bodenmann, T. Bradbury, S. Maderasz: Scheidungsursachen und –verlauf aus der Sicht der Geschiedenen. In: Zeitschrift für Familienforschung – Beiträge zu Haushalt, Verwandtschaft und Lebenslauf. 14. Jg. 1/2002)

Auseinandergelebt

Als häufigste Scheidungs-Ursache wurde in der Studie die unterschiedliche Entwicklung beider PartnerInnen genannt. Frauen führten vor allem die zu geringe Kompetenz des Partners für die Führung einer zufrieden stellenden PartnerInnenschaft an. Dazu zählten sie mangelndes Engagement für die PartnerInnenschaft, eine schlecht ausgeführte Elternrolle, Aggression und Gewalt sowie Gleichgültigkeit des Partners. Letzterer Grund wurde in der Untersuchung von den Männern selbst bestätigt. Interessantes Detail: Außenbeziehungen oder Alkohol- und Drogenprobleme der PartnerInnen wurden als weniger ursächlich für die Scheidung genannt. (dabu)

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