Filme zum "täglichen Brennen"

16. Oktober 2002, 18:17
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"zeitnah, weltfern" - Österreichs Kino bis 1945 in 18 Programmen

Wien - Seit fast zehn Jahren erforschen die Filmwissenschafter Elisabeth Büttner und Christian Dewald die Geschichte des österreichischen Films. In ihrem 1997 erschienenen Buch "Anschluss an Morgen" dokumentierten sie die österreichische Filmgeschichte von 1945 bis zur Gegenwart. Die Ergebnisse ihrer Studien über die Anfänge des heimischen Films legen sie nun in einem zweiten Band mit dem Titel "Das tägliche Brennen" und mit der bei der Viennale laufenden Filmretrospektive "zeitnah, weltfern" vor. Im Rahmen dieses Projekts der Kooperative "das kino-coop" in Zusammenarbeit mit dem Filmarchiv Austria konnte der Kanon der bisher bekannten österreichischen Stummfilme mehr als vervierfacht werden.

"Das Privileg zu sehen"

"zeitnah, weltfern" zeigt in sechs Themenkomplexen, präsentiert in 18 Filmprogrammen, ästhetische und gesellschaftliche Linien und ihre Verbindung in der heimischen Kinogeschichte, aber auch technische Entwicklungen, etwa die Auswirkung der Tiefenschärfe auf die Dramaturgie. Der frühe Stummfilm war übrigens nicht nur schwarz-weiß, sondern bis Mitte der 20er Jahre überwiegend koloriert und von beeindruckender Farbigkeit.

Der erste Themenschwerpunkt, "Das Privileg zu sehen", erzählt vom Entdecken des Kinos und vom Entdecken der Welt durch das Kino und zeigt das Entwickeln kinematographischer Erzählformen. Zu sehen ist u.a. "Eine Fahrt nach Mariazell" oder die "Alpentragödie" (1920) von Emil Leyde, ein Vorläufer des Heimatfilms. Die drei Programme zum Ersten Weltkrieg zeigen sowohl dokumentarische Bilder, z.B. über das Kinderelend in Wien, als auch seine Auswirkung auf bzw. Übersetzung in den Spielfilm. So boomten etwa kurz nach Kriegsende Filme, die um übersinnliche, unerklärliche Phänomene kreisen.

"Überlebenstechnik"

Die Komplexe "Wer wird die Welt verändern?" und "Todesboten" spiegeln Wirtschaftskrise und die politischen Kämpfe der Zwischenkriegszeit. Dezidiert politische Filme sind hier die für die Nationalratswahl 1930 gedrehten sozialdemokratischen Propagandastreifen "Mr. Pim's Trip to Europe" von Frank Ward Rossak und "Die Abenteuer des Herrn Antimarx". Die Verarbeitung eines historischen Traumas im Spielfilm zeigt Werner Hochbaums psychoanalytischer Streifen "Die ewige Maske" (1935) über einen Mann, der seine Toten nicht begraben kann.

Der Komplex "Überlebenstechnik" stellt drei Figuren vor, die im österreichischen Tonfilm bis 1945 heraus stechen: Künstler, Glücksschmiede und Fatalisten. Und der letzte Themenschwerpunkt, "Klassenfragen", zeigt etwa, wie sich die konservative Tendenz im Austrofaschismus, den Adel aufzuwerten, auch auf der Leinwand spiegelt.

Sechs der 18 Programme werden So-Ryang Joo oder Gerhard Gruber live am Klavier begleiten. Im Rahmen der Eröffnung von "zeitnah, weltfern" am 20. Oktober wird auch das Buch "Das tägliche Brennen" präsentiert. Die Autoren halten vor jedem Programm der Filmschau einen kurzen Einführungsvortrag. Am 27. Oktober findet im Metro Kino eine Podiumsdiskussion zum Thema Film und Geschichte statt. (APA)

  • "Champagner" - Träume eines Küchenmädchens, 1999 in Berlin gefunden, frisch restauriert, am 20.10. präsentiert
    foto: filmarchiv

    "Champagner" - Träume eines Küchenmädchens, 1999 in Berlin gefunden, frisch restauriert, am 20.10. präsentiert

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