Das Comeback von Al-Qa'ida

13. Oktober 2002, 21:21
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Bushs Irak-Politik nützt den Islamisten, deren Attentate nützen der US-Kriegsfraktion - von Gudrun Harrer

So könnte also die Zukunft aussehen: Wo und in welcher Funktion - als Touristen, als Geschäftsleute, als Staff (wie etwa die Matrosen auf dem französischen Öltanker in Jemen), als Soldaten - Menschen aus dem politischen "Westen" (wozu Australien gehört) in der islamischen Welt unterwegs sind, werden sie damit rechnen müssen, ins Visier genommen zu werden.

Und das ist noch die harmlosere Aussicht. Eine Vorwegnahme der schlimmeren, nämlich dass diese Menschen auch in den eigenen Ländern nicht sicher sind, haben wir am 11. September 2001 gesehen. Danach wurde der Kampf gegen den Terror ausgerufen, herausgekommen ist eine punktuelle Verbesserung der Sicherheit in der Ersten Welt (und sozusagen als Nebenprodukt in Afghanistan) und eine allgemeine Verschlechterung im großen Rest der Welt.

Die Ursachen dafür kann man zweiermaßen erklären: Man kann sich darauf beschränken, im Überleben einiger hoher Al-Qa'ida-Kader und vieler kleiner, aber vielleicht gut trainierter Kämpfer die Wurzel allen Übels zu orten (so wie Israel glaubt, dass sich, wenn der letzte Hamas-Aktivist im Gazastreifen eliminiert ist, die palästinensische Gewalt von selbst erledigt). Man kann aber auch sehen, dass diesen Qa'ida-Resten nur deshalb ein Comeback gelingt - wofür es nach den Anschlägen in Jemen, in Kuwait, vielleicht auch jetzt in Bali Hinweise gibt -, weil die Unterstützung für ihre krause und verbrecherische Causa im letzten Jahr eher gewachsen als geschwunden ist. Es muss ja auch nicht einmal Al-Qa'ida selbst sein, was da jetzt wieder an die Oberfläche tritt, auf alle Fälle ist es deren Dunstkreis zuzuordnen.

Die Debatte um einen Irak-Krieg spielt dabei auf beiden Seiten eine große Rolle, auf der westlichen und auf der islamischen. Zwar ist es ziemlich sicher, dass der unvollendete "Job" seines Vaters schon zu Beginn seiner Amtszeit auf der Agenda von George Bush stand: Anders als viele glauben, dient das Thema Irak wohl nicht nur zur Ablenkung von innenpolitischen Nöten vor den Kongresswahlen im November.

Gleichzeitig liegt es jedoch auf der Hand, dass nicht nur der 11. September selbst, der ein tiefes Gefühl der Bedrohung in den USA zurückgelassen hat, sondern der vorläufige Ausgang des Antiterrorkriegs Bushs Irak-Politik beeinflusst: Al-Qa'ida bleibt ein Jahr nach den Anschlägen eine verschwommene, nicht wirklich fassbare Bedrohung, Osama Bin Laden, die Verkörperung des Bösen, ist verschwunden, sein "Hirn" Ayman al-Zawahiri lebt, niemand weiß, wie und wo, und dass er sich auf dem zuletzt an die Öffentlichkeit gekommenen Video nicht zeigt, heißt, dass man nicht einmal weiß, wie er heute aussieht.

Die irakische Bedrohung hingegen hat ein einziges Gesicht und kann geografisch festgemacht werden, Saddam Hussein und der Irak. Dass er in den USA für mehr steht, als er de facto ist und vertritt, spüren wiederum Muslime und Musliminnen auf der ganzen Welt: Plötzlich sind sie selbst gemeint, wenn Washington gegen einen grausamen Diktator, dem niemand außer seine bezahlte Entourage eine Träne nachweinen wird, vorgehen will.

Und das stärkt wieder die Unterstützung für Al-Qa'ida: Hat nicht Osama Bin Laden unter anderem das Leiden der armen Iraker - das die USA jetzt noch vergrößern wollen - als Grund für den Anschlag vom 11. September genannt? Und sagt nicht Zawahiri auf dem Video, dass das Ziel der Amerikaner weit über den Irak hinausgeht?

Zwar würden die Islamisten von Algerien über Ägypten, Saudi-Arabien und Pakistan bis nach Indonesien ihre Regime auch am liebsten hinwegbomben - aber das ist wieder etwas anderes, als sie im Rahmen eines großen US-Plans fallen zu sehen. Und der Treppenwitz ist, dass sie mit ihren Attentaten durch die Verschärfung der Bedrohung nur wieder der Fraktion in den USA helfen, die sich im Glauben wiegt, Sicherheit und Frieden auf der Welt allein durch Krieg herstellen zu können. (DER STANDARD, Printausgabe, 14.10.2002)

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