Ein Erdrutsch im friedlichen Kurort

13. Oktober 2002, 21:06
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Im burgenländischen Bad Sauerbrunn stellt sich die Bürgermeisterin der Stichwahl

Bad Sauerbrunn - Normal ist Friede hier. Seit aber die Gemeinderatswahl über den Kurort Bad Sauerbrunn gekommen ist wie eine Naturgewalt, ist kein Fried' mehr. Böse Gerüchte schleichen sich durch das neu verklinkerte Viadukt, den Kurpark, den Gatsch der alten Schubertallee, manche haben sogar zu grüßen aufgehört. Das wird bis nächsten Sonntag noch so sein, denn Bad Sauerbrunn ist eine der 16 burgenländischen Gemeinden, in denen es zur Stichwahl zwischen zwei Bürgermeisterkandidaten kommt. Völlig überraschend. Und jetzt ist kein Frieden mehr im Kurpark. Jetzt ist es ein Wahnsinn, normal.

15 Jahre lang regierte hier die SPÖ mit absoluter Mehrheit. Zu Jahresbeginn übergab der Altbürgermeister sein Amt an Sylvia Linc, eine von fünf SP-Ortschefinnen im Bezirk Mattersburg. Anders als ihre Kolleginnen, die überdurchschnittlich zulegen konnten, verlor Sylvia Linc erdrutschartig. Die SPÖ fiel von 61,4 Prozent auf 39,7, die Bürgermeisterin von 69,3 auf 43,8. Wahlgewinner war eine bis dahin außerhalb von Sauerbrunn unbekannte "Liste für Bad Sauerbrunn" (LIBS), die beim ersten Antreten auf 38 Prozent kam und Gerhard Hutter, den Bürgermeisterkandidaten auf immerhin 37,8 Prozent hievte.

Auch eine Woche danach ist Sylvia Linc ratlos. "Ich habe geglaubt, dass Arbeit zählt. Aber das war wohl ein Irrtum." Zwischen Kurhaus und Kurpark erzählt man sich, dass die Sauerbrunner ihr die Gefolgschaft versagt hätten, weil sie eine "Zuagraste" sei. "Unsinn", erwidert Gerhard Hutter, "das hat man der LIBS vorgeworfen. Jetzt, nach dem Wahlerfolg, heißt es: Die LIBS ist ein Sammelsurium der alten Sauerbrunner Familien. Unser Programm ist: Reden wir wieder miteinander. Das hat sich in den vergangenen Jahren aufgehört, da wurde nur noch drübergefahren."

Mittlerweile hat der Wahlkampf auch das normale Gemeindeleben erfasst. Der Mann der Bürgermeisterin, Österreichs ehemaliger Oberschiedsrichter Heinz Fahnler, Obmann des Fußballvereins, habe, heißt es, für den Fall des Falles mit Rücktritt gedroht. Nicht nur er, sagt seine Gattin, auch der Kommandant eines anderen, wichtigeren Vereins habe so was in den Raum gestellt. "Verständlich, immerhin müssen die sehr eng mit der Gemeinde zusammenarbeiten." Einen Skandal ortet dagegen Gerhard Hutter. So werde die Parteipolitik ins Vereinsleben getragen.

Der SPÖ bleibt eine Art Trost. Die LIBS sei nämlich eine SP-Abspaltung. Gerhard Hutter: "Nein, wir sind wirklich überparteilich." Sylvia Linc: "Das ist eine linke Liste, aber eine extrem linke." Eine, mit der die Sauerbrunner nun leben müssen. Egal, wer am Sonntag Bürgermeister wird. (Wolfgang Weisgram/DER STANDARD, Printausgabe, 14.10.2002)

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