Liberalisierung wird zu Grabe getragen

13. Oktober 2002, 20:43
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Über einen Erfolg von Schwarz-Blau herrscht Grabesruhe: die Freigabe des Bestattungsgewerbes - Nun weht ein frischer Wind durch die Branche

Wien - Einer der publizistisch verschwiegensten Erfolge der schwarz-blauen Wirtschaftspolitik ist die Liberalisierung des Bestattungsgewerbes, die im Zuge der Gewerbeordnungsreform in letzter Minute durchgeboxt wurde.

Von dieser für ihn "überraschenden" Freigabe lässt sich Christian Fertinger, der Chef der Bestattung Wien, aber nicht ins Bockshorn jagen. Auch vor Konkurrenten wie der Kärntner Firma Pax am größten Markt für Beerdigungen in Österreich - in Wien - ist dem Chef der Bestatter nicht bange. "Im Gegenteil, Pax hat etwas geschafft, nämlich in die durch jahrzehntelange Reglementierungen verknöcherte Branche frischen Wind zu bringen. Diesen wollen auch wir nutzen", sagte Fertinger im Gespräch mit dem STANDARD. Sein Unternehmen könne jetzt mit seinem Bestattungs-Know-how auch in die Bundesländer hinausgehen.

Aggressiver Auftritt

Zuerst werde man dort aggressiver auftreten, wo man von anderen angegriffen werde, konkret in Graz und Klagenfurt, wo Pax sich festzusetzen versuche. Einer der Gründe für die Gelassenheit der Wiener: Damit sich das Geschäft mit dem Tod rechnet, müsse ein Anbieter mindestens 150 Bestattungen im Jahr durchführen. In der Bundeshauptstadt finden jährlich 20.000 Beerdigungen statt. Eine Erdbestattung kostet derzeit rund 3412 Euro, eine Feuerbestattung 2608 Euro. Liberalisierungsersparnisse wie bei der Energie wurden nicht in Aussicht gestellt.

Wer in Wien eine Bestattung durchführen will, wird auch in Zukunft beim Exmonopolisten anklopfen müssen. Die Stadt Wien habe nämlich nach wie vor das alleinige Aufbahrungsrecht. Mitbewerber müssten ähnlich wie bei Telekom oder Energie ein kostenorientiertes Entgelt für die Benützung der Infrastruktur - eine Aufbahrungshalle anstelle von Leitungsnetzen - zahlen. "Sicher aber keine prohibitiven Gebühren, einen solchen Preiskrieg wollen wir nicht", so Wiens oberster Pompfüneberer. Für den eigentlichen Einsegnungsvorgang ist gemäß einem Vertag mit der Bestattung die MA 43 (Friedhofsverwaltung) zuständig.

Zwei-Marken-Strategie

Im Zuge der Offensive feilt der Exmonopolist derzeit an einer Zwei-Marken-Strategie: Neben dem so genannten Standardbegräbnis will Fertinger eine eigene Luxustochter für die betuchte Klientel gründen, mit exklusiver Betreuung inklusive aller möglicher Sonderwünsche. Um diese Wünsche zu ergründen, will die Bestattung Wien auch zur Marktforschung greifen.

Weitere Vision Fertingers: Gesamtdienstleister von der Anmeldung des Todesfalls bis zum Weg zur letzten Ruhestätte zu werden. In weiterer Ferne könnte man auch im Ausland mit dem Renommee einer Bestattung à la viennoise punkten: Besonderes "Asset" sei das spanische Hofzeremoniell, wie zuletzt beim Begräbnis von Exkaiserin Zita prunkvoll zelebriert. Noch nicht geeinigt hat sich die Standesvertretung auf einheitliche Werberegeln. Es müsse künftig möglich sein, Bestattungsleistungen pietätvoll zu kommunizieren. Mehr als TV-Werbespots oder Postwurfsendungen sei aber nicht vorstellbar, Haustürkeiler soll es keine geben. "Dazu kommt, dass jeder Mensch im Leben durchschnittlich 2,1-mal eine Bestattung bestellen muss und sieben- bis achtmal auf ein Begräbnis geht", begründet Fertinger Zurückhaltung bei Werbemaßnahmen. (DER STANDARD Print-Ausgabe, 14.10.2002)

Von Clemens Rosenkranz
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