Aufrüstung an polnischer Ostgrenze

13. Oktober 2002, 21:43
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Im Vorfeld des EU-Beitritts verstärkt Polen seine Grenzsicherung gegenüber Weißrussland und der Ukraine dramatisch, denn Warschau wird künftig die längste Außengrenze der Union bewachen

Eine rote Linie auf dem Asphalt markiert die künftige Ostgrenze der EU. Hier in Dorohusk, an der Brücke über den Bug, die Polen mit der Ukraine verbindet, stand vor 1990 nur ein polnischer Grenzposten. Heute ist es eine riesige und mit EU-Fördermitteln modernisierte Grenzstation: Sogar ein Geigerzähler ist am Brückenende eingebaut, um geschmuggeltes radioaktives Material aufzuspüren.

Bisher sind es aber glücklicherweise vor allem Alkohol und Zigaretten, die die Grenzschützer und Zöllner konfiszieren. "Heute erst haben wir 102.000 Zigarettenschachteln in einem litauischen Lkw entdeckt", sagt Oberstleutnant Andrzej Wojcik: "Sie waren unter einer Ladung Wassermelonen versteckt". Einige der Melonen liegen noch vor dem Zollamt.

An Polens Ostgrenze wird aufgerüstet. Stolz präsentiert Wojcik den nagelneuen VW-Bus seiner Grenzwache in Skrihiczyn: Auf dem Dach dreht sich eine Wärmebildkamera wie ein U-Boot-Periskop, innen wird auf zwei Bildschirmen die Nacht zum Tag gemacht. Ein Aufkleber "finanziert von der EU" pickt auf einer Seitenscheibe.

In ihrem 25-Kilometer-Grenzabschnitt mit Weißrussland und der Ukraine haben die Wächter seit Jahresbeginn 300 illegale Einwanderer festgenommen. Der Oberstleutnant führt zur Illustration ein Wärmebildvideo über geglückte Einsätze vor: Gestalten, die im Gänsemarsch über die Felder marschieren. Dabei nutzen die Grenzwächter nicht nur Hightech. "Manchmal melden uns auch Angler, die am Bug fischen, wenn sie Illegale sehen", sagt Wojcik. "Die meisten kommen über die Grenze mit der Ukraine, an der mit Weißrussland ist es viel ruhiger", berichtet er.

Polens Innenminister ist sich der künftigen Verantwortung bewusst: "Mit 1200 Kilometern werden wir die längste Außengrenze der EU überwachen", übertreibt Krzystof Janik etwas - denn Finnlands Ostgrenze ist noch länger. "Praktisch jede Woche eröffnen wir neue Grenzwachen, alle 25 Kilometer soll eine stehen", sagt der Minister, der die kleine Korrespondentengruppe in seinem Warschauer Amt empfängt.

Erste Erfolge weiß er auch zu vermelden: "Die Zahl der illegalen Grenzübertritte ist 2001 im Vergleich zum Vorjahr um fünf Prozent gesunken, und diese Tendenz geht weiter." 13.000 Grenzwächter hat Janik unter sich, 5000 weitere will er einstellen. Die Verantwortung für die Abschottung der EU möchte er aber nicht allein übernehmen: "Unsere Grenze ist leichter zu kontrollieren. An der EU-Südgrenze auf dem Balkan ist die Situation viel komplizierter", meint Janik, "auch die Adria ist ein nicht besonders gut gesicherter Teil der EU-Grenze."

Polen kooperiere schon jetzt mit den Kollegen in Tschechien, der Slowakei und Ungarn, betont der Minister. Auf die Frage, ob er sich denn auch eine gemeinsame EU-Grenztruppe vorstellen könne, wie sie die EU-Kommission im Frühjahr vorgeschlagen hatte, gibt sich der Minister diplomatisch: "Ich bin froh, dass wir die Debatte beginnen", sagt er. Vor einem Jahr hatte die letzte polnische Regierung einen solchen Eingriff in die Souveränität noch kategorisch abgelehnt. (DER STANDARD, Printausgabe, 14.10.2002)

Jörg Wojahn aus Warschau
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    Grenzkontrolle an der zukünftigen EU-Außengrenze in Dorohusk

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