Trend zu Aktien statt Krediten

14. Oktober 2002, 12:32
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Fondseinlagen der Österreicher fließen überwiegend in ausländische Titel

Wien - Die Zukunft der Wiener Börse liegt im notwendigen Wandel der Finanzierungsstruktur der heimischen Wirtschaft. Denn sie holt sich im Durchschnitt noch 68 Prozent ihres Kapitals von den Kreditabteilungen der Banken und liegt damit weit über dem europäischen Wert von etwa 44 Prozent Kreditfinanzierung.

"Unternehmen mit 15 bis 100 Millionen Euro Kapital gehören an die Börse", postulierte Börse-Vorstand Stefan Zapotocky bei einer international besetzten Konferenz der Wiener Börse am Freitag. Der Boom am Wiener Markt für Unternehmensanleihen mit einem derzeitigen Volumen von 1,4 Mrd. Euro spreche bereits für einen Trend weg von der großen Kreditlastigkeit.

Dabei ist Österreich ein Land der Fondssparer: Rund 11.000 Euro liegen statistisch gesehen pro Kopf in Fonds, womit Österreich fast Europameister ist. Allerdings kommt dieses Kapital nicht den inländischen Aktientiteln zugute. Denn überwiegend bedeutet Fondsanlegen in Österreich: Kapitalexport in ausländische Titel, was ein Werk der Beratung in den heimischen Banken sei.

Europareif

Allgemein wurde dem Markt attestiert, er sei europareif. Ralf Nachtigall, zuständiger Direktor für die Aktienmärkte bei Merrill Lynch, bescheinigt den Wienern einerseits, dass sie den Vergleich mit internationalen Standards in puncto Transparenz und Handelsabwicklung nicht zu scheuen bräuchten, und formulierte als Chancen weitere Privatisierungen, die Notwendigkeit privater Pensionsvorsorge und die Osterweiterung.

Das Uraltdilemma der Wiener, nämlich die geringe Unternehmensgröße an einer Börse mit sehr geringem Handelsumsatz, was dazu führt, dass kein internationaler Fondsmanager die Aktien kaufen muss, weil sie in keinem großen Index vertreten sind, müssten die Firmen selbst mit besonderer Investorenpflege wettmachen, sagte Nachtigall.

Der Anwalt und Privatinvestor Rudolf Fries, der 25 Prozent am Edelstahlkonzern Böhler Uddeholm und 30 Prozent am Autozulieferer Eybl hält, sieht einen Ansatzpunkt für einen effizienteren heimischen Kapitalmarkt bei den heimischen Banken: "Statt dauernd auf internationale Benchmarks zu schielen", sollten sie in ihren Produkten stärker den heimischen Markt abbilden. Denn "sechs, sieben Prozent Rendite" sei ein sehr gutes Investment, "das muss man den Kleinanlegern in den Banken eben auch sagen". Gleichzeitig verwies Fries auf die "solide Dividendenpolitik" und "hohe Ertragskraft" der heimischen Börsenfirmen. (Karin Bauer/DER STANDARD Print-Ausgabe, 14.10.2002)

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