Egoisten unter sich

15. Oktober 2002, 20:32
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Am Samstagabend betrat André Heller die Bühne des Theaters an der Wien, um Ex-Burgtheater-Direktor Claus Peymann einen Nestroy für sein Lebenswerk zu überreichen. Er erzählte dabei ein Märchen über einen Politiker, der sich in einem "zynischen Egotripp" zum Kanzler gemacht und dabei sein Land ins Unglück gestürzt habe. Hellers ehemalige Lebensgefährtin, die Schauspielerin Andrea Eckert, setzte nachher noch eins drauf: Sie bat das Publikum im Theater und vor den TV-Geräten, doch dafür Sorge zu tragen, dass die nahende Wahl nicht wieder zum Schmierentheater verkomme.

Das war sicher rechtschaffen gedacht. Rechtschaffener und mutiger wäre es aber gewesen, Heller hätte auch ein Märchen über eine "Gala" erzählt, bei der eine kakanische Branche behauptet, sie würde einen relevanten Theaterpreis ausschreiben - und dabei aufwändige Selbstbeweihräucherungen zelebriert, die angesichts mickriger Preise für die so genannte "Off-Szene" tatsächlich zynisch anmuten. Auch Eckert hätte ihre Rolle in dieser aufwändigen Schmiere thematisieren können.

Womit wir wieder im heimischen Gestrüpp hehrer Posen und notdürftig verbrämter Hintergedanken wären. Die österreichische Innenpolitik und Gesellschaft, wie beschädigt sie auch immer sein mögen, werden derartige Interventionen wohl kaum verändern: Ähnlich wie einst die Aktion Künstler für Kreisky dienen diese ja nur einer allgegenwärtigen Attitüde, der profitable Paukenschläge wichtiger sind als langfristig gedachte Reformen. Das Schlimme dabei: Jetzt wird die "Wahlwerbung" nicht einmal mehr als Inserat ausgestellt. Wenn man aber einst den Schwarz-Blau-Koalitionären zu Recht vorwarf, sie würden so permanent das ORF-Programm unterwandern, dann darf man für ähnliche Aktionen nicht mehr Verständnis erwarten. (DER STANDARD, Printausgabe, 14.10.2002)

Von Claus Philipp
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