Aller Anfang ist leer

13. Oktober 2002, 20:28
posten

Dirigent Bertrand de Billy und das RSO-Wien im Wiener Musikverein

Wien - Es war sein erster Abend als Chef des RSO-Wien. Und so virtuos, präzise und engagiert die Leistungen der Orchestermusiker waren, so unverbindlich blieb das Wirken Bertrand de Billys. Nicht ein Weg in dessen Interpretationsgang durch das Konzertprogramm, der nicht tausendmal schon so beschritten, nicht eine Emotion, die nicht ebenso viele Male so vermittelt worden wäre.

Der Mozart (Linzer, KV 425) geschah luftig, elegant, mit Esprit - das ja; er war aber auch von einer süßlichen Harmlosigkeit, dass sich die Aufnahme dezibelgedimmt wohl hervorragend für die Fahrstuhlbeschallung einsetzen ließe. Berlioz' Symphonie fantastique ereignete sich in fantastisch ausgewaschenen, stumpfen Klangfarben.

Dass sich der Einfallsreichtum von Johannes Maria Stauds uraufgeführter Musik für Klavier und Orchester Polygon weitgehend darin erschöpfte, den Pianisten (Thomas Larcher) qua breitflächigem Unterarmgedresche mit Orchesterakkorden dialogisieren zu lassen (wenn nicht gerade die Assistentin mit einem Nagel an einer Basssaite herumritzte), passte dann auch noch hervorragend in die Atmosphäre. Die klassische Musikszene erlebt derzeit eine allgemeine Krise, keiner bezweifelt es.

Die Verkaufszahlen der E-Musik-Tonträger sind rückläufig, in den Budgets der von der öffentlichen Hand subventionierten Opernhäuser und Orchester wird allerorten der Rotstift angesetzt. In Wien ist es das vom ORF finanzierte Radiosymphonieorchester, das am meisten unter den Sparmaßnahmen leidet. Der Kardinalgrund der Krise: Es gibt auf dem Klassikmarkt ein Überangebot an verwechselbaren Musikproduktionen. Bertrand de Billy mag unbestreitbare Stärken als Operndirigent besitzen, im Konzertsaal sind seine Leistungen (noch) medioker.

Sollten seine Interpretationen des symphonischen Repertoires nicht zu größerer Prägnanz und Charakteristik finden, steht zu befürchten, dass das RSO-Wien unter seiner Leitung eine Reihe virtuoser, präziser, engagierter und brav beklatschter Konzerte abliefern wird, Konzerte, die aber an ihrer interpretatorischen Gesichtslosigkeit und emotionalen Durchschnittlichkeit leiden werden. (DER STANDARD, Printausgabe, 14.10.2002)

Von Stefan Ender
Share if you care.