Wien, Wien und noch einmal: Wien!

15. Oktober 2002, 20:31
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Am Samstag wurde zum dritten Mal nachdrücklich bewiesen: Der Nestroy-Preis ist ein Unsinn

Wien - Wahnsinn! Ein Erdrutsch! In drei Jahren Nestroy-Preis stellt das Burgtheater erstmals nicht die "beste deutschsprachige Aufführung"! Michael Thalheimers Deutung von Emilia Galotti darf seit Samstagabend nach einer pompösen, schwerfälligen Gala diesen Titel tragen.

Burg-Chef Klaus Bachler, der den Preis überreichte, war aber immer noch guter Dinge: In drei Kategorien wurden seinem Haus Auszeichnungen zuteil: Bester Nachwuchs: Johanna Wokalek (die jetzt "erwachsen" werden will). Beste Ausstattung: Martin Zehetgruber. Beste Innovation: Bert Wrede - wie Zehetgruber für Letzter Aufruf im Burg-Arsenal, zu dem er, wie auch für Edward II. in Klagenfurt, die Bühnenmusik gestaltet hat.

Weniger guter Dinge schien Klaus Bachler in Sachen ORF, der zwar den "Nestroy" - quasi als heimische Oscar-Variante - ausstrahlt, ansonsten aber immer weniger Theateraufzeichnungen anbietet. So sahen also viele Menschen, die das, was hier prämiert wurde, vermutlich nie sehen werden, gefeierte Entscheidungen einer Nestroy-Akademie, deren Mitglieder die prämierten Darbietungen nur teilweise kennen - von einer Übersicht über den deutschen Sprachraum ganz zu schweigen. Dementsprechend jagte eine nichts sagende Phrase die nächste. Völlig überflüssig.

Bester Schauspieler wurde wie im Vorjahr Sven-Eric Bechtolf (heuer als Hofreiter in Das weite Land bei den Wiener Festwochen). Beste Schauspielerin: Ulli Maier (als Agathe im Josefstädter Mann ohne Eigenschaften). Beste Nebenrolle: Anna Franziska Srna (als Marie im Woyzeck am Wiener Volkstheater). Beste Regie: Michael Schottenberg (für Der Talisman, ebenfalls im Volkstheater). Bester Autor: Roland Schimmelpfennig (Push up 1-3, aufgeführt von der Wiener Kompagnie Theater.Punkt).

Das heißt - zumindest nach der Logik des Nestroy-Preises: Das beste deutschsprachige Theater findet immer noch, praktisch zu hundert Prozent, in Wien statt. Entschuldigung, eine kleine Abweichung gab's noch: Die beste Off-Produktion, die Theaterserie LKH in Graz - eine Kooperatiuon des Theaters im Bahnhof mit dem Schauspielhaus.

Auch der Preis für das Lebenswerk verortete ebendieses Werk ausschließlich im und rund um das Burgtheater: Dass Claus Peymann vor und nach seiner Burg-Direktion auch woanders gearbeitet hat, hat selbst seinen Laudator André Heller nicht besonders interessiert. Der erzählte dafür ein launiges Bundeskanzler-Schüssel-Märchen und forderte Peymann auf, es mit Franz Morak in der Hauptrolle zu inszenieren. Die Sponsoren von der Erste Bank waren angeblich "not amused".

PS: Der STANDARD-Kritiker und Kolumnist Peter Vujica legt übrigens Wert auf die Feststellung: Anders als in Format stammen die Texte dieses Abends (Moderation: Andrea Eckert) weitgehend nicht mehr von ihm. (DER STANDARD, Printausgabe, 14.10.2002)


"Missbrauch einer Kulturveranstaltung" ortete ÖVP-Vizechefin und Bildungsministerin Elisabeth Gehrer bei einer Pressekonferenz am Montag: "Andre Heller und Andrea Eckert haben die Nestroy-Gala am Samstag massiv für parteipolitische Zwecke missbraucht".

SPÖ-Kultursprecherin Christine Muttonen reagierte in einer Aussendung: Die "Missbrauchsvorwürfe" durch Gehrer seien ein "Zensurversuch gegen unabhängige Künstler".

Hellers "Märchen"

Heller hatte in seiner Laudatio auf Claus Peymann, der den Nestroy für sein Lebenswerk erhielt, ein "Märchen" über einen Politiker erzählt, der sich in einem "zynischen Egotrip" zum Kanzler gemacht und dabei sein Land ins Unglück gestürzt habe. Gala-Moderatorin Eckert hatte anschließend darum gebeten, dass die bevorstehende Nationalratswahl "nicht wieder in einer Schmierenkomödie endet".

Gehrer erinnert das "fatal an die Zeit der Sanktionen. Es sind die selben Personen, die selben Handlungsmuster, die gleiche menschenverachtende Sprache und es ist das Aufreißen von Gräben. Für uns ist das Politik aus dem Container."

Die Forderung Gehrers, die SPÖ und die anderen Mitbewerbern mögen sich distanzieren, wies Muttonen als "völlig unangebracht" zurück, da Heller nichts anderes getan habe, als "pointiert und realitätsgetreu die näheren Umstände der letzten Regierungsbildung zu beleuchten".

ORF will "Derartiges hintanhalten"

Gehrer kündigte an , die ÖVP werde Publikumsrat, Bundeskommunikationssenat und ORF-Stiftungsrat anrufen und erwarte sich, dass diese tätig werden, so Gehrer. In einer Aussendung distanzierte sich der ORF von den kritisierten Äußerungen und "bedauert, dass eine Kulturveranstaltung zur Bühne politischer Agitation wurde" sowie "für Zwecke der Parteipolitik und Wahlpropaganda benutzt" worden sei.

In Zukunft würde "nach Mitteln und Wegen" gesucht, "Derartiges hintanzuhalten, insbesondere darauf zu achten, dass die Moderation nicht die durch das Objektivitäts- und Pluralitätsgebot gesetzten Grenzen überschreitet". Der ORF wies darauf hin, dass die Verleihung vom Verein "Wiener Theaterpreis" und nicht vom ORF organisiert wurde und die Laudatio von Heller und die Schlussmoderation von Eckert im Vorfeld der Übertragung nicht zugänglich gewesen seien.

Nicht im Drehbuch

Der Verein Wiener Theaterpreis "kann und will Laudatoren nicht auf bestimmte Worte festlegen", möchte "allerdings festhalten, dass er Wahlempfehlungen während der Gala für unangebracht hält und auch diesbezügliche Äußerungen der Moderatorin weder im Drehbuch standen noch in irgendeiner Weise abgesprochen waren", hieß es in einer Aussendung.

Inzwischen wies der Vorstand der Internationalen Nestroy-Gesellschaft darauf hin, dass die Gesellschaft mit dem Nestroy-Theaterpreis "nichts zu tun hat". "Zu unserem Bedauern ist der Name 'Nestroy' so wie z. B. auch der Name 'Mozart' - siehe: Mozartkugel - nicht zu schützen und kann von jedermann verwendet werden". (APA)

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