Sharon spricht sich gegen neue Friedenspläne aus

14. Oktober 2002, 09:58
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Wieder sieben Tote am Wochenende - 80 Prozent der Palästinenser im Gaza-Streifen leben in Armut

Jerusalem/Gaza/Ramallah - Der israelische Ministerpräsident Ariel Sharon hat neue Friedensinitiativen zur Beendigung des blutigen Konflikts mit den Palästinensern abgelehnt. Wenige Stunden vor seiner Abreise zu Gesprächen mit der US-Regierung in Washington in der Nacht zum Dienstag sagte der 74-Jährige, neue Friedenspläne würden den Palästinensern nur "die Tür zu neuen Forderungen öffnen", berichtete der israelische Rundfunk am Sonntag.

Die USA hatten Israel in der vergangenen Woche aufgefordert, endlich die Lebensbedingungen für die unter strikter Besatzung stehende palästinensische Bevölkerung zu verbessern. Der israelische Koordinator für die Palästinensergebiete, General Amos Gilad, teilte dem Kabinett am Sonntag mit, dass inzwischen allein im Gazastreifen 80 Prozent der 1,3 Millionen Einwohner unter akuter Armut leiden.

Eine Hungersnot gebe es unter anderem deshalb noch nicht, weil allein das Rote Kreuz und die UNO-Hilfsorganisation UNRWA mehr als 100 000 Familien mit Lebensmitteln versorgten. Etwa zwei Millionen Palästinenser hingen von internationalen Hilfsorganisationen ab; das seien rund zwei Drittel der Bevölkerung, sagte Gilad.

In den Palästinensergebieten kam es am Wochenende wieder zu zahlreichen blutigen Zwischenfällen, bei denen Soldaten insgesamt sieben Palästinenser töteten, darunter auch ein vierjähriges Kind. Allein in der Nacht zum Sonntag starben im Gazastreifen vier Menschen. Am Sonntag erschossen Soldaten bei Jenin eine 40-jährige Frau nach palästinensischen Angaben von einem Panzer aus. Mehr als 25 Palästinenser und drei israelische Soldaten wurden verletzt.

Zu dem schwersten Zwischenfall kam es in der Stadt Rafah an der Grenze vom Gazastreifen nach Ägypten, wo israelische Truppen fünf Häuser zerstörten. Ein vierjähriger Junge wurde von einstürzenden Mauern erschlagen, als die Soldaten das Haus einrissen, obwohl die Bewohner sich geweigert hatten, das Haus zu verlassen. Zwei bewaffnete Palästinenser wurden von Soldaten bei dem Versuch erschossen, in die israelische Siedlung Moschaw Jewul auf israelischem Territorium am Rande des Gazastreifen einzudringen. Nach Angaben des israelischen Rundfunks wurden zwei israelische Soldaten bei dem Schusswechsel verletzt.

Angesichts der akuten Not in den Palästinensergebieten hat die US-Regierung Israel inzwischen erneut aufgefordert, Maßnahmen zur Verbesserung der Lebensbedingungen für die Palästinenser zu ergreifen. Washington habe Scharon am vergangenen Freitag einen Brief gesandt, in dem dieser aufgefordert worden sei, Israels zahlreiche Ankündigungen umzusetzen und baldmöglichst eine oder mehrere besetzte Städte im Westjordanland zu räumen. Sharons Kabinett beschloss am Sonntag nach Rundfunkberichten eine Reihe nicht näher erläuterter Maßnahmen, darunter die Lockerung der strikten Ausgangssperre in mehreren Städten.

Die Armee hatte nahezu alle Palästinenserstädte nach einer Serie palästinensischer Terroranschläge in Israel Ende Juni wieder besetzt. Der Chefberater von Palästinenserpräsident Yasser Arafat warf Israel am Sonntag vor, die Weltöffentlichkeit bewusst zu täuschen. Statt die Lebensbedingungen der Palästinenser zu verbessern, gebe es "überall und auf allen Ebenen eine militärische Eskalation", sagte Sprecher Nabil Abu Rudeineh. Die Tageszeitung "Haaretz" berichtete, ein UNO-Report gebe der israelischen Armee wesentliche Schuld an der fortdauernden Gewalt, da sie die ihr aufgetragenen Erleichterungen nicht vollzogen habe. (APA/dpa)

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