Ein Welt-System namens Kapitalismus

21. Oktober 2002, 13:27
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Wallersteins (Durch-)Blick - oder warum es keinen Sinn macht gegen "Coca Cola" anzutreten - Von Christian Eigner

Gegen “CocaCola” anzutreten macht wenig Sinn, weder weltweit noch in kleinen Lokalmärkten. Nicht wenige haben das versucht, doch die meisten haben nicht einmal Etappen-Siege erringen können. “Afri-Cola”, “American Cola” – in der Regel wurden sie vom US-Konzern schon in ihren Usprungsländern erfolgreich auf die Ränge verwiesen und vielleicht sogar als kleine Sub-Marken dem transkontinental agierenden “Coca-Cola”-Imperium einverleibt.

Genau das macht einen Weltkonzern aus: Er besiegt seine Konkurrenten nicht nur auf den internationalen Märkten, sondern auch in deren Heimatstaaten, sozusagen am eigenen wirtschaftlichen Parkett. Was er aber nur deshalb kann, weil er quasi ein Monopolist ist, dem es seine Wirtschaftskraft erlaubt, einen aufkommenden Konkurrenten mit Dumpingpreisen und exzessiven Werbemaßnahmen förmlich zu erdrücken. F reilich: Offiziell gibt es in unserem Wirtschaftssystem keine Monopolisten. Schließlich leben wir in Marktwirtschaften, in denen Angebot und Nachfrage einander das Gleichgewicht halten. Auf Grund ihrer verzerrenden Wirkung, die Monopole auf dieses Gleichgewicht haben, stellen sie bestenfalls so etwas wie illegitime Entartungen dar, die deshalb von staatlich organisierten Kartellwächtern umgehend zerschlagen werden, falls sie entstanden sein sollten.

Doch das ist nur die Theorie. In der Realität wimmelt es nur so von (Quasi-) Monopolen, und nur allzu oft war es der Staat, der dabei behilflich war, sie zu schaffen. “Microsoft” beispielsweise hätte seinen welt-weiten Siegeszug wohl kaum antreten können, wenn nicht us-amerika-nische A u ß e n p o l i t i k e r und H a n d e l s k a m m e r- Ve r t re t e r fleißig die Werbetrommel gerührt und so manchen Mega-Deal für den nunmehrigen Software-Riesen eingefädelt hätten. Die bekanntesten Beispiele dafür sind die vielen Parlaments- und Schul-Ausstattungen mit “Microsoft”-Paketen, die von den Medien zwar gerne gemeldet, aber selten in ihrer Relevanz begriffen und adäquat dargestellt werden: Es sind das durchwegs Groß-Aufträge, die nicht unwesentlich dazu beigetragen haben, aus der erfolgreichen US-Firma den “GlobalPlayer” zu machen; Groß-Aufträge, die ohne politisches Engagement wohl nie zu Stande gekommen wären.

Zu erinnern ist an dieser Stelle auch noch daran, dass in den USA in den vergangenen 120 Jahren gerade einmal zwei große Trusts politisch zerschlagen wurden, nämlich das Rockefeller Öl-Imperium und AT&T – was nicht gerade von einer besonderen Abneigung gegen marktbeherr-schende Stellungen und mangelnden Wettbewerb zeugt. Denn an Gelegenheiten dazu hätte es wohl nicht gefehlt; man denke nur an die dominante Stellung, die IBM in seiner Branche in den Siebzigern und frühen Achtzigern inne hatte. Dass die Politik eher ein Förderer von Monopolen und monopolähnlichen Strukturen als deren “natürlicher Feind” ist, liegt an der prinzipiellen Verfasstheit des Kapitalismus.

Denn Kapitalismus ist, wie Immanuel Wallerstein in seiner “Welt-System- Analyse” auf eindrucksvolle Weise gezeigt hat, nicht einfach nur gut funktionierende Marktwirtschaft oder florierender Freihandel; das wäre zu naiv und harmlos gedacht, vermittelt das Bild der Marktwirtschaft doch indirekt immer auch, dass man es mit einem Werkzeug oder Instrument zu tun hat: So wie man sich entscheidet, in Städten Märkte abzuhalten, entscheidet man sich auch zur marktwirtschaftlichen Organisation einer Region oder eines ganzen Kontinents. Es ist lediglich eine Frage der Ideologie, ob man das tut, wobei – so wird gerne argumentiert – die Entscheidung für die Marktwirtschaft die klügere ist, weil sie sich in der Realität als ein hocheffizientes Werkzeug zur Optimierung von Volkswirtschaften herausgestellt hat.

Tatsächlich aber, so Wallerstein, greift das zu kurz. Historisch betrachtet ist nämlich im Europa des 15. Jahrhunderts ein so genanntes “Welt-System” entstanden, das auch heute noch den verbindlichen und unhintergehbaren Rahmen für unser gesamtes wirtschaftliches Handeln bildet, aber mittlerweile weit über Europa hinaus reicht. Dieses Welt-System ist eben der Kapitalismus, der im Verhältnis zu anderen Welt-Systemen eine ganze Reihe von Besonderheiten aufweist:

Nach Wallerstein sind Welt-Systeme prinzipiell nichts Neues. Schon längst haben sie die “Mini-Systeme” abgelöst, also jene sozialen Kleinsysteme, in denen die Arbeitsteilung in einem singulären kulturellen Rahmenwerk erfolgte; etwa im sibirischen Dorf, in das Fremde nur als Gäste, aber nicht als Händler – oder zumindest nicht als Händler, von denen man in irgendeiner Form abhängig war – kamen. Im Verhältnis zu diesen Kleinsystemen ist ein Welt-System das genaue Gegenteil: Es existiert in ihm eine internationale Arbeitsteilung, die über einzelne Kulturen und Staaten hinweg erfolgt und die es unter anderem mit sich bringt, dass man als Produzent eines bestimmten Gutes eine Profit-Orientierung entwickelt, da man sich nicht mehr in re i n e n Tauschbeziehungen bewegt.

Ein Welt-System ist folglich primär dadurch gekennzeichnet, dass es größer als die juridisch definierten politischen Verwaltungseinheiten ist, die es tangiert, und durch ein komplexes Netzwerk wirtschaftlicher, arbeitsteiliger Beziehungen, die sich buchstäbliche über alle Grenzen hinweg-setzen, zusammengehalten wird.

Für Welt-Systeme war es aber immer auch typisch, dass irgendjemand versuchte, sie in Welt-Reiche, in Imperien, umzuwandeln ; man denke nur an die transkulturellen mediterranen Welt-Systeme der Antike, die etwa Griechen wie Römer unter ihre Kontrolle zu bringen versuchten (was phasenweise ja gelang). Laut Wallerstein ist das verständlich, erlaubt das doch das bequeme Abschöpfen einer gewaltigen Wirtschaftsmaschinerie: Die herrschaftliche Gewalt, die mit der errunge-nen Macht über ein Welt-System einhergeht, ermöglicht den Regierenden das Einheben von Steuern und Tributen wie auch die Errichtung von Handelsmonopolen; eine effiziente Strategie, die manch H e r r s c h e rhaus für Jahrhunderte groß und einflussreich machte. Allerdings ist diese Strategie auch wieder keine hocheffiziente, da in riesigen Reichen immense Verwaltungskosten anfallen, die die Profite fres-sen. Für Wallerstein besteht der Clou des kapitalistischen Welt-Systems deshalb darin, dass es nie imperial vereinnahmt werden konnte.

Die Habsburger hatten das zwar im 16. Jahrhundert versucht, waren aber am Widerstand potenzieller Konkurrenten gescheitert. Stattdessen entstand – durch eine Reihe von historischen Zufällen – innerhalb des Welt-Systems ein Staatengefüge, in dem zwar gelegentlich einer der Staaten zur H e g e m o n i a l m a c h t w u rde (wie etwa die USA nach dem II. Weltkrieg), prinzipiell aber ein Gleichgewicht herrschte, das es unmöglich machte, dass eines der Länder das Welt-System zu einem Welt-Reich transformierte.

Das kapitalistische Welt-System, das im 19. Jahrhundert in Folge seiner wissenschaftlich-industriell bedingten Kraft zum alleinigen Welt-System, zum internationalen wirtschaftlichen Bezugspunkt und Rahmenwerk, aufstieg, unterscheidet sich von anderen Welt-Systemen also dadurch, dass es nicht der Politik folgt.

Im Gegenteil, es stellt die Politik in seine Dienste: Eine weitere Besonderheit des kapitalistischen Welt-Systems ist ja, das in ihm – anders als im Feudal-System des Mittelalters – ein reger interna-tionaler Handel mit Massenwaren (und nicht bloß mit Einzelgütern) existiert. Eine ganze Reihe von Faktoren – klimatische ebenso wie regio-nalgeschichtliche oder ökologische – führten dazu, dass im 16. Jahrhundert ein gesamteuropäischer Markt für Agrarprodukte entstand, der primär nicht mehr auf Tausch ausgerichtet war, sondern eine klare Verkaufs- und Profit-Orientierung hatte (und sich später zu dem inter-nationalen, vielgestaltigen Markt auswuchs, den wir heute kennen).

Den jeweiligen regionalen Entwicklungen entsprechend, erfolgte dabei eine klare Arbeitsteilung, wobei dem hoch entwickelten Nordwesten Europas die Rolle eines Kerngebiets zukam: Hier wurden die landwirtschaftlichen Spezialprodukte erzeugt, wie es zusätzlich eine Konzentration auf die Textil-Herstellung und den Schiffsbau gab. Die mediterrane Welt hingegen spezialisierte sich auf die Produktion kostenintensiver industrieller Güter und wurde zum Zentrum der Finanztransaktionen, während Ost-und West-Europa die herkömmliche Agrarproduktion (mit eher rück-ständigen Mitteln) abwickelte, mithin den Markt mit Getreide, Holz, Baumwolle oder Zucker versorgte.

Damit war jedoch eine Struktur, ein Gefälle geschaffen – hoch entwickelte Kernstaaten , gut entwickelte semiperiphere Staaten (jene am Mittelmeer) und schlecht entwickelte Peripheriestaaten (die Ost- und West-Europäer) –, das bis heute, wenn auch in veränderter Form, das kapitalistische Welt-System kennzeichnet und der Politik ihre ganz spezifische Funktion gibt (ganz konkret spricht Wallerstein von “Peripherie-Gebieten”, da diese eigentlich zu schwach sind, um als Staaten bezeichnet werden zu können; der Einfachheit halber will ich aber von Staaten sprechen).

Denn natürlich lässt sich der größte Profit beispielsweise dann erzielen, wenn ein Unternehmen aus einem Kernstaat möglichst einfach auf die billigeren Ressourcen und Arbeitskräfte eines (“unterentwickelten”) Peripheriestaates zugreifen kann; ein Prozess, den Wallerstein als “ungleichen Tausch” bezeichnet und der ein weiteres Merkmal des kapitalistischen Welt-Systems ist. Speziell der Peripheriestaat wird deshalb möglichst offene Märkte und Grenzen haben müssen, während es für den Kernstaat in dieser Situation von Vorteil sein kann, den Markt abzuschotten, um nur die Vorteile aus diesem Gefälle zu akquirieren.

Politik, so Wallersteins Analyse, ist im kapitalistischen Welt-System deshalb nicht mehr als ein Regulationsmechanismus , der dafür sorgt, dass in diesem Gefälle für die Unternehmen die optimalen Bedingungen herrschen: Beispielsweise ist die polnische Monarchie des 16. und 17. Jahrhunderts laut Wallerstein nicht deshalb verfallen, weil irgendein Nationalstaaten bildender, ideologiebasierender oder gesellschaftlich-kultureller Mechanismus versagt hätte, sondern weil ein Peripheriestaat wie das damalige Polen möglichst offene Märkte brauchte, in denen sich ausländische Händler so bewegen konnten, als ob sie zu Hause wären. Jegliche Betonung des Nationalen und irgendwelcher interner Kräfte wären dabei hinderlich gewesen.

Starke Nationalstaaten waren lediglich in den “Kern-Gebieten”, wie Wallerstein sie auch nennt, wichtig, weil es dort starke Produktionsbetriebe gab, die mit Hilfe der Staatsmaschinerie noch stärker werden konnten (und diese Maschinerie deshalb auch zuließen, ja sogar förderten). Denn durch gezielte Staatseingriffe konnten sich diese Produktionsbetriebe vom Markt und seinen Mechanismen befreien; etwa dann, wenn sie den Staat erfolgreich dazu brachten, Schutzzölle einzuheben.

Die politische Energie wird im kapitalistischen Welt-System also nicht mehr dazu genutzt, Welt-Reiche zu bauen, sondern zur Sicherung der Monopolrechte der im Land ansässigen Unternehmen verwendet; ein Befund, der im ersten Moment wohl jeden Aufklärer schockiert, bei genauerem Hinsehen aber seine Plausibilität hat. Denn bei aller Eigendynamik, die das politische System hat; bei allen Machtkämpfen, die es kennzeichnen; bei allen sozialen Maßnahmen, die es für die Bevölkerung setzt – sein letzter Bezugspunkt scheinen doch immer wieder die Unternehmen zu sein.

Gerade die letzten zehn Jahre haben das in Europa nur allzu deutlich gezeigt. Überall wurden systematisch die Märkte geöffnet; egal ob rechte oder linke Regierungen an der Spitze des Staates standen. Als “neoli-berale Wende” wurde das heftigst und kontrovers diskutiert – und damit vorausgesetzt, dass es sich allein um ein ideologischesProblem handelt. Allerdings konnte die Neoliberalismus-Diskussion zwei Dinge nie plausibel erklären:

  • erstens: weshalb die Politik diese Wende vollzogen hat und weiter vollzieht (wobei es natürlich Erklärungen gibt, die jedoch stets in Richtung Geschmack – Reagan und Thatcher sympathisierten ein-fach mit konservativen Haltungen – oder Manipulation – mächtige Konzerne gewinnen in der Politik an Einfluss und beginnen diese zu steuern – gingen, was aber erschreckend unstrukturelle und damit unbrauchbare Erklärungen sind), und

  • zweitens: weshalb viele Menschen doch den Eindruck haben, dass sich jenseits aller ideologischen Geplänkel eine tief greifende Wandlung vollzieht, die sich gleichsam hinter unserem Rücken abspielt – und auch hinter dem Rücken der Politik.

Tatsächlich vollzieht die Politik die Öffnung der Märkte vor allem auf Druck der Unternehmen, die jedoch nicht aus bösartiger Machtgier die Demokratie ausschalten wollen (auch dieses pseudo-mythologische Argument wird von der Neoliberalismus-Diskussion gerne bemüht), son-dern mit dem Faktum konfrontiert sind, dass sich das “Kernstaat – Semiperipheriestaat – Peripheriestaat Gefälle” verändert hat. Nicht nur sind mit dem geöffneten Ostblock neue semipheriphere Staaten hinzugekommen; auch begann der rasante Aufstieg der asiatischen Staaten am “Kern-Gebiet”-Status Europas zu nagen, weshalb eine Stärkung der europäischen Märkte dringlich notwendig erschien und auf dem Wege der weit gehenden Öffnung versucht wurde.

Das macht nicht nur plausibel, weshalb linke wie rechte Regierungen heute mehr oder minder identische Positionen beziehen (und warum all die Diskussionen darüber, was links oder rechts noch bedeuten kann, den Eindruck hinterlassen, dass man eigentlich nicht wirklich zum Kern des Problems durchgedrungen ist); es erklärt auch, weshalb viele Menschen das Gefühl haben, tief greifenden Veränderungen ausgesetzt zu sein, die mit Weltbildern und politischen Strategien nichts mehr zu tun haben.

Nicht Ideologien, so Wallerstein, erzeugen mithin die uns so vertraute politische Dynamik, sondern allein die Position, die ein Staat im “Kernstaat – Semiperipheriestaat – Peripheriestaat Gefälle” innehat. Stets geht es um die Ausschaltung negativer Markt-Effekte oder von Märkten überhaupt, was die Unternehmen selbst freilich nicht leisten können; dazu ist eine übergeordnete Instanz wie der Staat notwendig. Nur zu diesem Zweck investieren die Unternehmen in die Staatsmaschinerie – jedoch lediglich so lange und in dem Ausmaß, wie es sich für sie rechnet. Allerdings können auch zu geringe Investitionen fatale Konsequenzen haben, wie die australische Wirtschaft im Zuge ihrer umfassenden Liberalisierung in den frühen Neunzigerjahren erfahren musste:

Das Zurückdrängen des Staates brachte – nach Wallerstein ver-ständlicherweise – speziell den Außenhandel in eine dermaßen prekäre Situation, dass sich die Außenpolitik, wie die Medien damals nicht ohne Schadenfreude berichteten, sehr bald wieder – und gegen das liberale Credo – in den Dienst der Wirtschaft stellte.

Aus dieser Grundfunktion des Staates ergibt sich alles Weitere, was man aus der Politik kennt: Das Erbringen von Sozialleistungen, bei-spielsweise (was stabilisierend wirkt und Revolten verhindert) – aber auch die direkte wie indirekte Förderung genau jener Betriebe und Konzerne, die es auf den ersten Blick nicht nötig haben; etwa von “Kirch Media” in Deutschland oder von “Magna” (einem Auto-Zulieferer internationalen Formats) in Österreich. Für diese wird der Staat mit seinen Steuervergünstigungen, billigen Krediten, Kreditgarantien oder Subventionen zu jenem Hebel, den sie brauchen, um jene Wettbewerbsvorteile oder Kapitalmengen lukrieren zu können, die allein durch Wirtschaftlichkeit und Effizienz auf den internationalen Märkten ansonsten nicht mehr lukrierbar sind. Erst diese partiellen Staatseingriffe machen es möglich, dass sich ein gut etabliertes Unternehmen sukzessive zum Monopolisten entwickeln kann; eine Ansicht, die mit Wallerstein sogar liberale Theoretiker wie Friedrich August von Hayek teilen, wenngleich bei Letzteren der Staatseingriff stets eine Art illegitime Anomalie bleibt – ein Standpunkt, der angesichts der politisch-wirtschaftlichen Alltagsrealität allerdings mehr als nur seltsam anmutet. Womit wir wieder bei “CocaCola” und “Microsoft” angekommen sind.

Und auch bei der Frage, weshalb Konzerne dieser Art mit der “Raum-Ignoranz” kein Problem haben: Nimmt man Wallerstein ernst – und man kann sich nicht des Eindrucks erwehren, dass seine Welt-System Analyse die zurzeit wohl zutreffendste Beschreibung der ökonomischen wie politischen Wirklichkeit liefert –, muss es sogar zur Aufgabe professioneller Außenpolitik gehören, Firmen dieser Größenordnung auf unterschiedlichste Weisen zu unterstützen (was die Amerikaner viel besser zu tun wissen als etwa die Deutschen, wie die “WirtschaftsWoche” bereits vor Jahren in einem großen Beitrag zu diesem Thema klagend feststellte). Erst der Staat hebt sie in jene Sphär e des kapitalistischen Welt-Systems, die den Märkten mit ihrem permanenten Wettbewerbeigentlich schon entrückt ist und in der es vielmehr darum geht, Monopolansprüche auszubauen oder zu verteidigen.

Dazu ist es aber vor allem nötig, an möglichst vielen Orten der Welt präsent zu sein. Nicht das Kennenlernen von “Lebensraum” ist für einen Konzern, der sich in dieser Sphäre bewegt, notwendig; nicht das “Einnisten” in Lebenswelten und nicht das Ausloten von Untiefen und Strömungen: Wer um Monopole kämpft, hat vor allem Flächen zu besetzen und Standorte zu beziehen, von denen aus rasch eine wahre Überschwemmung der umliegenden Platzabschnitte mit Gütern vorgenom-men werden kann. Wenn das Unternehmen klug ist, wird es dabei einige Produktanpassungen an die lokalen Gegebenheiten vornehmen und darauf achten, welche Alltagspraxis vor Ort gelebt wird; aber es muss nicht wirklich am “Raum-Leben” teilnehmen und den “Lebensraum” mitentfalten, wie das das kleine Software - U n t e rnehmen oder der Autohändler tun muss. Denn wer sich einmal in dieser Sphäre bewegt, ist nicht nur wenigstens ansatzweise den Märkten entrückt, sondern auch dem Raum .

Genau das ist es nämlich, was die Politik mit ihrem Eingriff bewirkt: Macht zerstört, worauf schon Hannah Arendt hingewiesen hat, den Raum zwischen den Menschen, respektive in diesem Fall den Raum zwischen den Unternehmen und den Mitbewerbern (und allzu oft auch den Raum zwischen den Unternehmen und den Kunden). Sie hinterlässt eine Welt, die eine Oberfläche ist, der Grund einer Schachtel, auf der man sich in weiterer Folge auch wie am Grund einer Schachtel bewegt, mithin wie jemand, der Mühle oder Schach spielt: Von Punkt zu Punkt ziehend oder springend.

Dass “CocaCola” kein Problem mit der “Raum-Ignoranz” hat, liegt folglich daran, dass das Unternehmen einer Sphäre angehört, in der es keinen Raum mehr gibt. Oder bloß noch einen sehr abstrakten Raum, eine Blasen- oder Schachtel-Konzeption von Raum, die sich gerade dadurch auszeichnet, dass “Lebensraum” darin nicht mehr als solcher wahrgenommen wird (es ist der Cyberspace, wie Peter Nausner meint, der sich hier aufzutun beginnt; der wirkliche Cyberspace, an dem all die Netznutzer ein wenig partizipieren dürfen, der de facto aber von ganz anderen Kräften hervorgebracht wird und strukturell besehen auch ganz woanders als im Internet zu Hause ist, nämlich eben im Kapitalismus...). In dieser Sphäre, in der sich das kapitalistische Welt-System wahrscheinlich selbst am nächsten kommt, ist K a p i t a l i s m u s Flächenwirtschaft – was sich in der Anfangsphase des kapitalistischen Welt-Systems vielleicht am schönsten gezeigt hat.

Denn laut Wallerstein hatte die Politik des 15., 16. Jahrhunderts vor allem die Aufgabe, die Interessen der Landbesitzer und der mit ihnen kooperierenden Händler zu vertreten, was zu all den Landeroberungen und (von Regierungen finanzierten) Entdeckungsreisen führte, die in der Neuzeit zu beobachten waren. Wobei die Landeroberungen stets Flächenbesetzungen waren, der Gewinn von Oberfläche (was nur allzu gut zur Cyberspace-These passt, ist mit dem Cyberspace doch die Idee der Oberfläche aufs Engste verwoben....) und nicht das Teilhaben an Raum, wie die Katastrophe des Kolonialismus deutlich zeigt....

“AUSZEIT! AUSZEIT!”

Zugegeben: Das war jetzt dicht. Aber mein kleiner Monolog hat uns auch ein großes Stück weitergebracht. Schließlich habe ich zumindest einmal Ihre Frage beantworten können, weshalb das Denken in Plätzen und Punkten gro ß e n Konzernen nichts ausmacht....

“Schön und gut. Wie geht das alles aber mit der ‚New Economy’ zusammen? Ein bisschen was haben Sie ja schon angedeutet. Aber trotzdem....wirklich greifbar wird das noch nicht!” Keine Frage! Ich schulde Ihnen noch eine Erklärung dafür, warum bei “DotComs” und Start-ups angeblich alles anders ist und wieso die “Raum-Ignoranz” sehr wohl ein allgemeines Problem der Ökonomie dar-stellt, wenn es sich bei ihr doch offensichtlich um einen “natürlichen” Bestandteil des kapitalistischen Welt-Systems handelt. Bleiben wir deshalb noch kurz bei Immanuel Wallerstein und seiner “Welt-System Analyse”. Auch die Antworten auf diese Fragen sind in ihr angelegt.

Lesen Sie nächste Woche, am Montag, den dritten Teil der Serie "Space Economy": Kapitalismus vs. "famliy business"

"Ein Welt-System namens Kapitalismus" ist der zweite Teil der Serie "Space Economy", die montags auf derStandard.at/ Investor erscheint. Lesen Sie nächste Woche: "Kapitalismus vs. family business"

"Space Economy" von Christian Eigner ist als FastBook 1 im Verlag "Nausner & Nausner" erschienen. Das Buch ist aus dem Projekt "Upload" der Zentralvereinigung der Architekten entstanden.

Erhältlich ist "Space Economy" zum Preis von 12,50 Euro unter anderem bei "Nausner & Nausner" unter der E-Mail-Adresse office@nausner.at.

Diskussionen über die SpacEconomy und ähnlichen Themen sind auch am "Bücher-Wiki" zu finden.

FastBooks, so Eigner, sind schnell produzierte und schnell zu lesende Bücher, die neue Perspektiven öffnen wollen. FastBook 2 "Proto-Communities, Communities und ihre Anwendung" von Christian Eigner, Helmut Leitner und Peter Nausner ist bereits in Vorbereitung und soll kurz nach Weihnachten erscheinen.

Christian Eigner ist gemeinsam mit Christine Maitz Herausgeber der Texte zur Wirtschaft.

Das Thema Raum und Wirtschaft auch ein zentrales Anliegen des "2. Mitteleuropäischen Kleinstadtsymposiums", das von 17. bis 20. Oktober in Waidhofen an der Ybbs stattfindet. Nähere Informationen unter www.ecovast.at.

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    foto: nausner & nausner
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