Bush, Greenspan, Bin Laden ...

13. Oktober 2002, 18:19
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... oder doch die Radfahrer – wer ist der (Börsen)Sündenbock? Ein Gastkommentar von Michael Margules

Auch die spektakuläre Rallye der letzten beiden Börsentage der abgelaufenen Woche kann nicht darüber hinwegtäuschen, daß sich der US-Aktienmarkt und seine europäischen wie auch japanischen Pendants in einer, wenn nicht sogar historisch-kursmäßig schlimmen Krise befinden.

Historisches

Das bisherige „Musterbeispiel“ eines Kursniedergangs, während der Jahre 1929 und 1932, endete gemäß Statistik exakt 1.001 Tage nach dem Höchst vom 7. September 1929. Arabische Nächte schauen wohl anders aus, auch wenn der letzte Freitag mit einem Plus von 316 Punkten den Dow Jones einer der spektakulärsten Kursanstiege einbrachte. Dies markierte zugleich den – erraten: 1.001 Tag, seit dem der Dow Jones am 14. Jänner 2000 seinen bisherigen Höchststand von 11.908 Punkten erklomm, was einem nicht ganz alltäglichen Kursrückgang von 36,7 Prozent entspricht.

Noch „besser“ hielten es der S&P 500 (bisheriges Höchst am 24. März 2000 mit 1.552, entspricht einem Rückgang von aktuell 48,2 Prozent oder 931 Tagen) sowie der Technologie-Index Nasdaq (bisheriges Höchst am 10. März 2000 mit 5.132, entspricht seither einem Niedergang von 77,3 Prozent), während in Europa der DAX mit einem Minus von 63,75 Prozent gegenüber den einstigen Höhen vom März 2000 an der Spitze der traurigen Statistik von sogenannten renommierten Börsenplätzen liegt.

Hochprozentiges

Jedenfalls gibt es jetzt wie auch zukünftig angesichts derartiger Kursdebakel Anlaß zu einigen bis dato ungelösten Schlüsselfragen, die seit Monaten die unglückselige (Börsen)Runde machen: Wie lange hält der Bärenmarkt noch an? Wann ist es wieder Zeit, in Aktien zu investieren? Welche Sektoren ziehen zuerst an? Und: Wer ist schuld an dem historischen Abwärtstrend?

Antworten gibt es derer wie immer viele, wenngleich einige bereits widerlegt sind und andere mehr als unwahrscheinlich klingen. Eine überraschende Antwort auf die Schuldfrage ermittelte der Online-Dienst AOL. Auf der Website wurden E-Mail-Kunden befragt: Wer ist ihr Sündenbock für das Debakel an der Wall Street? Antworten konnte man per Mausklick auf fünf Köpfe, die stellvertretend für ein Problem standen:

  • Osama bin Laden (Angst vor Terroranschlägen),
  • Saddam Hussein (Angst vor einem Krieg),
  • Dennis Kozlowski (Ex-Vorsitzende des Konglomerats Tyco, der eneben den Enron und WorldCom-Verantwortlichen hauptverantwortlich und stellvertretend für die Vertrauenskrise nach dem massiven Bilanzbetrug in Corporate America gemacht wird),
  • Alan Greenspan (ineffektive Zinspolitik),
  • George W. Bush (falsche Wirtschaftspolitik)
und als Alternativ-Antwort stand da „Nobody“ – niemand ist schuld, die Verluste sind zyklisch bedingt.

Die mehr oder weniger überraschende Antwort:

  • 29 Prozent der User halten George W. Bush für den Hauptschuldigen,
  • 27 Prozent der AOL-User geben Osama bin Laden die Schuld an der Krise in Konjunktur und Aktienmarkt,
  • 19 Prozent der User halten einen derart steilen Fall der amerikanischen Börsen für zyklisch normal und machen folglich „Nobody“ für die Krise verantwortlich,
  • Für 14 Prozent der AOL-User fährt die US-Notenbank FED einen falschen Kurs, sie haben auf Alan Greenspan geklickt,
  • Nur 6 Prozent machen Dennis Kozlowski und damit die grenzenlose Gier und den Moralverlust in amerikanischen Unternehmen, und nur 5 Prozent Saddam Hussein halten und damit die Angst vor einem Krieg gegen den Irak für die Kursverluste verantwortlich.
(Selbst)Kritisches

Nichts gegen derartige Umfragen und bei allem Verständnis für deren seichten Vorgaben: aber wie wärs beispielsweise mit der Möglichkeit, auf „AOL“ und „Analysten“ zu klicken? Die Verantwortlichen von AOL veröffentlichten nach dem Zusammenschluß mit Time Warner Umsatz- und Gewinnprognosen, die aus heutiger Sicht wie bei so vielen anderen Unternehmen jeder Beschreibung spotten. In die gleiche Kategorie fallen die gleichlautenden Schlüsse der Banken und ihrer „Handlanger“ wie Analysten oder Händler, die ohne Rücksicht auf Anlegerkursverluste einfach prozyklisch gute Miene zum bösen Börsenspiel machten, in Verkennung der Tatsachen, daß es sich dabei aber um realpolitische Hintergründe handelt, trotz und wider aller nach oben wie auch nach unter überbordender Börsenpsychologie.

Und last, but not least wäre selbstverständlich auch die Journaille jederzeit einen Mausklick wert, denn welcher der Schreiberlinge hat dereinst wohl vor derartigen Kursgefahren gewarnt oder sie gar vorher gesehen. Letzteres war und ist zwar en detail ein Ding der Unmöglichkeit, nicht aber das Recht der Investoren, in Zukunft mehr Ein- und Weitsicht der sogenannten Profis und Insider zu verlangen.

Nachlese

--> Zum Verkaufen zu spät, zum Kaufen zu früh
--> Japan ist einen Börsenblick wert
--> Wie sicher sind Versicherungsaktien?
--> Droht ein neuer Ölpreisschock?
--> Schieß’ nicht auf den Analysten!
--> Shares kann go down!
--> Out: Börsengurus ! In: Börsengurus !
--> Über weinpredigende Contrarians und wasserkochende Institutionelle
--> US-Zinsen, bitte steigen!
--> Buy high, sell low......!
--> Wieviel sind 3.500 Milliarden Dollar?
--> Quo Vadis Börse?
--> Wieder Ordnung an der Fußballbörse
--> Auf Resignation naht die Wende
--> Jede schlechte Nachricht hat ihr Gutes
--> Hört die Deflations-Signale

Michael Margules lebt als freier Journalist in Wien. Sein Gastkommentar "Börsenblick" erscheint wöchentlich - jeden Montag - auf derStandard.at. Anlageempfehlungen stellen die persönliche Meinung des Autors dar.
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    montage: derstandard.at
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