Deutschland: CDU streitet über Gründe der Wahlniederlage

13. Oktober 2002, 12:48
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Parteinahe Stiftung verweist auf Abkehr der Alten - Koch warnt vor überzogener Strategiedebatte

Frankfurt/Main - Die CDU streitet weiter über die Gründe ihres Misserfolgs bei der Wahl und die notwendigen Strategieänderungen. Laut "Frankfurter Allgemeiner Sonntagszeitung" lehnen Teile des Parteipräsidiums die von der Vorsitzenden Angela Merkel angeregte Neuorientierung auf die großstädtische Wählerschaft als einseitig ab. Die parteinahe Adenauer-Stiftung vertritt dem Blatt zufolge in einer Studie die Ansicht, die Niederlagen 1998 und 2002 seien durch eine Abkehr in der Altersgruppe der über 60-Jährigen verursacht worden.

Diese Gruppe stelle 31 Prozent der Wahlberechtigten und sei von jeher entscheidend für die Union gewesen, heißt es dem Bericht zufolge in der Wahlanalyse. Es sei eine Faustregel, dass die Union bei den über 60-Jährigen mehr als 50 Prozent erzielen müsse, um stärkste Partei werden zu können. Damit habe die Union jahrzehntelang rechnen können. Jetzt habe die CDU in dieser Altersgruppe nur 45 Prozent geholt.

"Offensive Debatte"

Merkel sagte laut "Bild am Sonntag", sie wolle eine offensive Debatte führen. "Geschlossenheit ist ein hohes Gut, aber sie ist und war immer etwas anderes als Friedhofsruhe." Der hessische Ministerpräsident Roland Koch warnte vor Übertreibungen in der Strategiedebatte. Er sagte laut Berliner "Tagesspiegel am Sonntag", es sei richtig gewesen, die wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands in den Mittelpunkt des Wahlkampfs zu stellen. Die Partei solle aber danach trachten, ihr Image bei jungen Frauen und Menschen in neuen Lebensformen zu korrigieren. Die Union dürfe zwar vom Leitbild Ehe nicht abgehen, müsse aber auch "klar machen, dass wir niemandem einen persönlichen Vorwurf machen, wenn er mit diesem Lebensmodell scheitert".

Der als Kanzlerkandidat gescheiterte bayerische Ministerpräsident und CSU-Vorsitzende Edmund Stoiber begrüßte die Diskussion in der CDU. "Es ist völlig normal, dass man sich fragt, wo es Versäumnisse gegeben hat", sagte er laut "Spiegel". Am gemeinsamen Regierungsprogramm von CDU und CSU müsse man keine grundsätzlichen Änderungen vornehmen. Eine Volkspartei müsse sich aber stets erneuern, und er unterstütze deshalb "Frau Merkel, die nichts anderes fordert". Eine Annäherung an die Grünen lehnte Stoiber kategorisch ab. (APA/AP)

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