Vorreiter der afrikanischen Moderne

13. Oktober 2002, 20:31
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Der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erging an Chinua Achebe - Ein Porträt des nigerianischen Autors

Er habe der Welt Afrika gebracht - mit diesen Worten verneigte sich der Politiker Nelson Mandela einst vor dem nigerianischen Autor Chinua Achebe. Den dürfte diese Formulierung vermutlich gefreut haben. Der Wille, der Welt ein authentischeres Bild Afrikas nahe zu bringen, ist in der Tat eine der Triebkräfte seines Schreibens.

Kultstatus gewann in Afrika bereits der erste und bis heute bekannteste Roman des damals 28-Jährigen. In Englisch verfasst, das Achebe seinerseits "rekolonialisierte", mit Worten und Rhythmen seiner Muttersprache durchformte, erreichte The Things fall apart (1958) bis heute weit über zehn Millionen Leser. Der - von William Butler Yeats entlehnte - Titel des Romans wurde zum geläufigen Synonym der Krise Afrikas. Der Roman schildert den Beginn der christlichen Missionierung einer Dorfgemeinschaft der Igbo, der Ethnie, der auch Chinua Achebe angehört.

Vielfach wurde der Text gelesen und rezensiert als Wiedergabe der Zerstörung einer intakten Stammeswelt durch das Eindringen der Kolonisatoren. Bei genauerer Lektüre entpuppt er sich jedoch als differenziertes Plädoyer für ein gegenseitiges Lernen der Kulturen. Auch jenseits des Kontinents gilt er heute als eines der Grundbücher afrikanischer Moderne und wurde in über vierzig Sprachen übersetzt.

Die Spuren von Missionierung und Kolonialisierung hatte Achebe in der eigenen Familie studieren können. Sein Vater war Lehrer und Katechist der evangelischen Church Missionary Society. Den Sohn hatte er ursprünglich, als Hommage an den Gemahl der britischen Königin Viktoria, Albert Chinualumogu Achebe getauft, ein Albert, den Chinua Achebe bald verloren gehen ließ.

Stattdessen setzte er sich nach Studienjahren in Ibadan und London ein Leben lang für die Durchsetzung der afrikanischen Literatur ein. Im britischen Heinemannverlag begründete er 1967 die Reihe African Writers, fünf Jahre später folgte das Literaturmagazin Okike: An African Journal of Writing. Achebes jahrzehntelangem Engagement ist es wesentlich zu danken, wenn Afrika allmählich auch auf dem internationalen Buchmarkt wahrgenommen wird.

Als eine Würdigung dieser Verdienste des 71-jährigen Schriftstellers, der seit einem Autounfall vor zwölf Jahren an den Rollstuhl gefesselt ist und aus medizinischen Gründen in den USA lebt, war am Sonntag auch die Verleihung des 53. Friedenspreises des Deutschen Buchhandels in der Frankfurter Paulskirche zu verstehen. Neben Okwui Enwezor, dem Leiter der diesjährigen Documenta in Kassel, ist er in diesem Jahr der zweite Künstler aus Nigeria, dem Deutschland verspricht, künftig die Augen zu öffnen für Afrika - solange das fast nichts kostet. (DER STANDARD, Printausgabe, 14.10.2002)

Von
Cornelia Niedermeier
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    Chinua Achebe

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