Ethnologe: Teilung Bosnien-Herzegowinas "überhaupt nicht hilfreich"

13. Oktober 2002, 11:11
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Kritik an internationaler Gemeinschaft: "Hält an Trennungslinien fest" - Ausdruck "Balkan" beruht auf einem Irrtum

Laibach - Als "überhaupt nicht hilfreich" für die Versöhnung der Volksgruppen in Bosnien-Herzegowina bezeichnet der Laibacher Ethnologe Bozidar Jezernik die nach dem Ende des Krieges im Jahr 1995 beschlossene Teilung des Landes in zwei Gebietseinheiten. Ohne diese Teilung wäre die Situation in Bosnien-Herzegowina heute "viel besser", sagte Jezernik am Donnerstag vor Journalisten in Laibach. Die derzeitige Staatsstruktur sei nämlich das Resultat des "Exports des serbischen Nationalismus" nach Bosnien.

Um die ethnischen Konflikte in Bosnien zu lösen, müsse man als Volk "die Bosnier wieder einführen", sagte der auf die Völkerkunde des Balkan spezialisierte Universitätsprofessor, und kritisierte die internationale Gemeinschaft, die an den "Trennungslinien" zwischen den einzelnen Volksgruppen festhalte statt sie aufzulösen. Selbst die Serben hätten sich vor dem Krieg (1992-95) hauptsächlich als Bosnier gesehen.

Weniger Kriege als zwischen England und Frankreich

Jezernik wies weiters darauf hin, dass es "in den vergangenen Tausend Jahren zwischen den drei Volksgruppen in Bosnien-Herzegowina weniger Kriege gegeben hat als zwischen den Engländern und Franzosen". Noch Anfang des 19. Jahrhunderts habe dieses Gebiet als "Modell der Toleranz" in Europa gegolten. Gelehrte aus Westeuropa seien angereist, um das friedliche Zusammenleben von Moslems, Orthodoxen und Katholiken zu beobachten.

Im Zuge der Entstehung der Nationalstaaten in Europa im 19. Jahrhundert sei es allerdings auf dem Balkan zu einer "unheilvollen Mischung" von Nationalismus und dem Erbe des Osmanischen Reichs gekommen. Unter der türkischen Herrschaft hätten sich die Bewohner des heutigen Bosnien-Herzegowina vor allem nach ihrer Religion definiert. Nicht-Moslems hatten in den sogenannten "Millets" weitgehende religiöse Autonomie. Durch das Aufkommen des Nationalismus seien die religiösen Unterschiede in den Rang nationaler Gegensätze erhoben worden: "Es waren Interventionen von außen, die in Bosnien-Herzegowina zur falschen Verwendung des Ausdrucks Nation beigetragen haben", kritisierte Jezernik.

Dass Südosteuropa heute gemeinhin "Balkan" beruht Jezernik zufolge übrigens auf einem Irrtum. Es handelt sich dabei um den türkischen Ausdruck für "stark bewaldeter Berg", womit das bulgarische Gebirge Stara planina gemeint ist. Der deutsche Geograf August Zeune gab 1808 der ganzen Halbinsel den Namen "Balkan", weil er meinte, die Stara planina sei das bedeutendste Gebirge auf ihr. In Wirklichkeit ist aber das Dinar-Gebirge um einiges größer. Einer alten Tradition zufolge werden Gebiete von Geografen nach der wichtigsten Bergkette benannt. (APA)

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