Mumifizierte Leiche im Schrank

13. Oktober 2002, 15:06
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Der Maler Robert Lenkiewicz hielt 18 Jahre lang den Leichnam eines Stadtstreichers versteckt

London - Mit einer mumifizierten Leiche im Geheimfach eines Schrankes sorgt der britische Maler Robert Lenkiewicz auch nach seinem Tod noch für Aufsehen. Lenkiewicz, der am 5. August im Alter von 60 Jahren gestorben war, hatte vor 18 Jahren den Leichnam des Stadtstreichers Edwin MacKenzie als Kunstwerk einbalsamiert und bis zu seinem eigenen Tod vor den britischen Behörden versteckt. Zehn Tage nach Lenkiewiczs Ableben war die gut erhaltene Leiche MacKenzies, der wegen seines Lebens in einer Betonröhre am Rande eines Müllplatzes von Plymouth als "Diogenes" bekannt war, in einem Schrankversteck im Londoner Atelier des Künstlers gefunden worden.

Der mit den Ermittlungen beauftragte Gerichtsbeamte von Plymouth, Nigel Meadows, sagte einem Bericht des "The Daily Telegraph" vom Samstag zufolge, es bestehe kein Zweifel daran, dass es sich bei der in gutem Zustand befindlichen Leiche um "Diogenes" handele. Der Mann sei 1984 im Alter von 72 Jahren eines natürlichen Todes gestorben. Er sei bereit, die Leiche zur Bestattung freizugeben - allerdings habe MacKenzie seines Wissens keine Angehörigen gehabt, die ein Recht auf die sterbliche Hülle geltend machen könnten. Vermutlich werde er die Mumie also der Stadtverwaltung von Plymouth übergeben.

Versprechen gehalten

Genau das hatte der in Plymouth lebende Lenkiewicz stets zu verhindern versucht. Er hatte 1984 gesagt: "Abgesehen von meinen philosophischen Überzeugungen ist es vor allem Diogenes' Wunsch gewesen, dass ich seinen Leichnam behalten soll. Ich will niemanden verletzen und keine Straftat begehen, aber ich bleibe der privaten Vereinbarung zwischen Diogenes und mir sehr ernsthaft verpflichtet."

Lenkiewicz, der als Sohn jüdischer Flüchtlinge in ärmlichsten Verhältnissen aufwuchs, hatte Obdachlose, Stadtstreicher und soziale Randfiguren zu den Hauptpersonen seiner zahlreichen, oft monumentalen und naturalistischen Werke gemacht. Der Tod beschäftigte ihn stets - 1981 teilte er der "The Times" fälschlicherweise das eigene Ableben mit. Angestellte des Stadtrats von Plymouth, die sich auf der Suche nach "Diogenes" befanden, erschreckte er, als diese endlich am Ziel angekommen zu sein meinten: Er entsprang dem Sarg, in dem die Beamten den Stadtstreicher vermuteten.

Wie die Zeitung "The Times" am Samstag berichtete, ist noch unklar, ob die Lenkiewicz-Stiftung einen Anspruch auf die mit Kunstharz behandelte Mumie von MacKenzie erheben wird. Dem Blatt zufolge will die Stiftung jedoch alles tun, um den Wunsch Lenkiewiczs zu erfüllen, die Leiche seines Freundes vor dem Zugriff durch die Stadtverwaltung von Plymouth zu bewahren. Freunde des Malers forderten, "Diogenes" als Kunstwerk zu betrachten und öffentlich auszustellen. (APA)

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