Wenn das Ego Amok läuft

14. Oktober 2002, 11:13
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Seit der CEO-Stuhl ein Schleudersitz ist - laut "Wall Street Journal" beträgt die "Lebenserwartung" eines Chief-Executives heute nur noch drei bis vier Jahre -, ist das Hauen und Stechen in den Führungsetagen vulgärer geworden

Die Merger-Mania der vergangenen Jahre hat zusammengeführt, was Business-IQ und Shareholder-Value als strategisch sinnvoll ausmachten. Dabei hat sich der EQ (Emotional Intelligence) der Chief-Executives als massives Hindernis auf dem Weg zur amikablen Vereinigung geoutet.

Die giftigste Fehde auf der Boss-to-Boss-Ebene liefern sich zurzeit Sir "Macho Martin" Sorrell, CEO von WPP, und Mike Dolan, Frontmann der geschluckten Werbeagentur Young & Rubicam. Seit der weltgrößte Agenturmulti WPP im letzten Jahr Y&R in sein Portfolio holte, hat Mike Dolans Lebensqualität dramatisch abgenommen. Insider beschreiben das Verhältnis Sorrell/Dolan als " jenseits von unerträglich".

Selbst vor Psychoterror wird nicht Halt gemacht: Nächtliche Telefonanrufe Sorrells weit nach Mitternacht bringen Dolan um den Schlaf. Dolan, der als besonnener Dealmaker und Corporate-Mann gilt - er ist durch die Ränge des Unternehmens hochgekommen -, und der hyperaktive Risiko-Junkie Sorrell, der WPP in nur 16 Jahren aus dem Nichts an die Weltspitze katapultierte, stehen als Synonym für das, was zurzeit bei Merger-Giganten abgeht: Die neuen Egomanen und die alten Corporate-Männer stehen sich unversöhnlich gegenüber.

Gespielt wird die Reise nach Jerusalem: Nach jedem neuen Kräftemessen gibt es einen Stuhl weniger. Dass so etwas auch nach hinten losgehen kann, musste Jean-Marie Messier, Ex-CEO des Mediengiganten Vivendi Universal, erfahren. Ihm gelang durchaus einmaliges in der Welt globaler Wirtschaft: Er paarte gallische Sturheit mit Yankee-Überheblichkeit und brachte damit Aktionäre und Belegschaft auf beiden Seiten des Atlantiks gegen sich auf.

Die Franzosen hassten ihn, weil er französische Kultur ausverkaufte, französische Führungskräfte rüde hinausmobbte und sich nach New York absetzte, die Amerikaner hassten ihn, weil Vivendi massiv Geld verlor und Messier nicht Willens war einzugestehen, dass seine Strategie gescheitert war.

Selbst als Vivendi-Aktien schon längst im Keller waren, sprach Messier auf einer Aktionärsversammlung selbstbewusst davon, das Unternehmen noch weitere 15 Jahre zu leiten. Es war die Manifestation eines übergroßen Egos mit totalem Realitätsverlust auf Amok-Kurs.

Realitätsverlust durch Übersteigerung des eigenen Egos hat auch Thomas Middelhoff aus dem Bertelsmann-CEO-Stuhl gekippt. Der Mann mit der schmalrahmigen silbernen Intellektuellenbrille war selbst kein unbeschriebenes Blatt in der Welt des kaltschnäuzigen Mobbings.

Clive Davis, Arista Records genialer Chef - eine Legende in der Musikbranche, der Künstler wie Janice Joplin, Whitney Houston oder Puff Daddy entdeckte - musste nach der Übernahme durch BMG (Bertelsmann Music Group) seinen Schreibtisch räumen, nachdem Middelhoff ihn bei einem Dinner derart provoziert hatte, dass Davis aufstand und ging. Am nächsten Tag war er Geschichte. Dass Middelhoff in seinem wohligen Egogefühl nicht mehr wahrnahm, dass Bertelsmann-Mehrheitseigner Reinhard Mohn ihm auf dem Weg an die Börse schon längst nicht mehr folgte, war das Ende einer wunderbaren Freundschaft.

Für den Psychologen Steven Berglas, der sich seit 25 Jahren mit Executive Behaviour beschäftigt (Titel seines zuletzt erschienen Buches: "Reclaiming the Fire - How Successful People Can Overcome Burnout"), sind weder Sorrells Insulte noch Messiers und Middelhoffs Realitätsverlust unerklärliche Phänomene. Er nennt es das Achilles-Syndrom des Entrepreneurial Ego.

"Wenn Unternehmer von den Medien wie Hollywood-stars gefeiert werden - Jean-Marie Messier etwa wurde zum Master of the Universe, Thomas Middelhoff zum genialsten Dealmaker Europas und Martin Sorrell zum Messias der Advertising Industry hochgepuscht -, entwickelt ihr Ego ein Bewusstsein von Unverwundbarkeit/Unfehlbarkeit, das sie in die Lage versetzt, ihre Schwächen zu verdrängen. Das geht so lange gut, bis eigene Wahrnehmung und Realität auf Kollisionskurs gehen. Dann häufen sich Fehlentscheidungen. Der Sturz ist vorprogrammiert." (Hannelore Gude-Hohensinner/DER STANDARD, Printausgabe, 12./13.10.2002)

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