Der Luxus der Unschuld

11. Oktober 2002, 22:01
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Der Kriminalpsychologe Thomas Müller ist ein weltweit gefragter Experte bei schwierigsten Fällen. Ein Portrait.

Nebel auf der Bühne des Wiener Rabenhoftheaters, schaurig klingende, alte Musik aus England. Aus dem Dunkeln sind die Konturen eines großen, stämmigen Mannes erkennbar. Das Licht geht an. Vor einer Playmobilburg steht Thomas Müller, Playmobilfiguren in der Hand, um in den folgenden zwei Stunden Schillers Räuber und Shakespeares Richard III mit den Figuren nachzuspielen und aus kriminalpsychologischer Sicht zu erklären.

Tatortwechsel: Im sonnigen Büro im Wiener Innenministerium türmen sich Papierstöße und Akten. Dr. Thomas Müller, Leiter des kriminalpsychologischen Dienstes im Innenministerium, einer Abteilung der INTERPOL, die er 1993 selbst aufgebaut hat, nimmt, in Jeans und T-Shirt gekleidet, auf seinem Sofa Platz. Sein Büro ist mit dunklen Möbeln im Stil der 30er-Jahre eingerichteten. Eine afrikanische Frauenstatue, eine kleine Schrankvitrine mit Nippes und Andenken wie einem Kaffeehäferl mit FBI-Logo geben dem Amtsraum eine persönlichere Note. Vor ihm, auf einem kleinen, runden Tisch mit wollbesticktem Tischtuch liegen Fotos einer jungen Frau, deren hand-und kopfloser Leichnam zahlreiche Schnittwunden aufweist. "Die Photos stammen von einem Fall in Holland, mit dem ich befasst war," sagt er mit unverkennbar Tiroler Akzent und ohne Verlegenheit. "Ich bekomme meine Informationen über einen Fall erst, wenn der Tatort aufgenommen wurde. Meine Aufgabe ist es, anhand solcher Fotos Ermittlungshinweise aus kriminalpsychologischer Sicht zu geben, indem ich den Tatort analysiere. Mich interessiert das Verhalten des Täters. Wer ist sein Opfer, wie hat er es umgebracht und was hat er damit nach der Tat gemacht. Die Schlüsse, die ich ziehe, können dann im besten Fall auch den Ermittlern zur Lösung des Falles verhelfen.

Die Dauer seiner Arbeit kann dabei von einer kurzen Telefonkonsultation bis zu viereinhalb Jahren, wie es bei der Briefbombenaffäre war, reichen, da gibt es keine verlässlichen Werte. "Ich gebe einen Fall in dem Sinn auch nicht auf. Die Tatortanalyse lebt und wird sich auch ständig verbessern, sodass die Beurteilung eines Täterverhaltens in ein paar Jahren ganz anders erfolgen wird. Ich beurteile das Verhalten einer Person mittels nachweisbarer, messbarer und sichtbarer Fakten, um daraus zu entscheiden. Ich beurteile niemals die Person selbst, das ist die klare Grenze zwischen meiner Tätigkeit und die eines forensischen Psychiaters."

Müller begann seine Polizeilaufbahn als Streifenpolizist 1982 in seiner Geburtsstadt Innsbruck. "Ich bin im Laufe meiner Arbeit immer wieder mit Situationen konfrontiert worden, wenn ich etwa den dritten Einsatz an einem Weihnachtsabend hatte, weil ein Vater seine Kinder verprügelt hat, wo mir immer öfter die Antwort nach dem Warum fehlte. So begann ich Psychologie zu studieren und versuchte dadurch Antworten zu finden." Studienaufenthalte unter anderem an der Humboldt Universität Berlin und am Kriminalpolizeilichen Informationszentrum Den Haag führen ihn schließlich 1992 zur FBI Academy in Quantico in Virginia, USA. Dort erwirbt er im Laufe von zwei Jahren Ausbildungen über Tatortanalyse und Täterprofilerstellung bei Robert K. Ressler, einem Meister seines Fachs.Müller ist es auch, der nach amerikanischem Vorbild eine wissenschaftliche Verbrechensdatenbank mit Namen ViCLAS (Violent Crime Linkage Analysis System) aufbaut, die speziell Serientötungsdelikte erfasst und mittlerweile auch in anderen europäischen Ländern eingerichtet wurde.

Darüber hinaus schmücken nationale wie internationale Lehraufträge, Forschungsseminare und Vorträge, Ausbildungstätigkeiten für Wissenschafter und Exekutive den Lebenslauf des erst 38-Jährigen. Nebenbei hat er unter anderem eine Tauchlehrerausbildung samt Gründung einer Tauchstation in Hurghada am Roten Meer, eine Segelfliegerschein und Erfahrungen im Hubschrauberflug vorzuweisen. "Ich habe im meinen Lebens verschiedenste Dinge ausprobiert, um herauszufinden, was mir wirklich Spaß macht und weil ich der Meinung bin, ich kann erst urteilen, wenn ich möglichst viele Dinge selbst erfahren habe."

Er wirkt durchtrainiert und ist ein sehr aufmerksamer und höflicher Gesprächspartner, der aber auch sofort und bestimmt eine Fragestellung richtig stellt, wenn sie ihm unkorrekt erscheint. Ein Mensch, der ganz genau weiß, wie weit er sich als Gesprächspartner öffnen will. Über seine Arbeit, da spricht er offen, bis zu jenem Punkt, wo es konkret um seine Arbeitsmethoden geht. Darüber hält er sich in der Öffentlichkeit bedeckt, denn sonst würde er mit dem Täter kommunizieren.

Eine Hauptursache für die Tötungsdelikte, mit denen er beschäftigt ist, sieht Müller in einem Mangel an Kommunikation. Ob in jedem von uns ein Gewaltpotenzial stecke, will er so nicht beantworten. "Es gibt nicht das Gute und es gibt nicht das Böse, genauso wenig wie es Schwarz und Weiß gibt, da liegen tausend Graustufen dazwischen. Faktum ist, dass immer wieder Delikte passierten, bei denen ich bisher das Glück hatte, aufgrund meiner Kenntnisse beizutragen, dass einige davon aufgeklärt wurden. Bei Tötungsdelikten kann man auch, von wenigen Ausnahmen abgesehen, kaum präventiv arbeiten. Vor allem dann, wenn Menschen aus einer Machtsituation, Hass und Wut anderen Menschen gegenüber hinausgehen und immer mehr Menschen töten". Für ihn ist daher ein intaktes Familienleben die beste Prävention. Die Familie ist es auch, die dem mehrfachen Vater, der mit einer Juristin verheiratet ist, Kraft für seinen Beruf gibt. "Die Biographien von Menschen, die hochkomplexe Verbrechen begingen, zeigen, dass sie oft schon sehr früh, im Alter von sechs, sieben Jahren in eine Anonymität und Einsamkeit hineinfallen, aus der sie sich nur retten können, indem sie Gewaltphantasien kreieren, weil sie Dinge beobachten, die sie nicht verarbeiten können. Diese Phantasien begleiten sie, weil sie in ihnen mächtig sind und wenn diese Menschen die sexuelle Reife erlangen, verbinden sich diese Phantasien mit der sexuellen Entwicklung. Damit kann eine Basis für spätere sexuale Tötungsdelikte geschaffen sein."

Wie geht er nun um mit dieser Welt, in der Gewaltphantasien, wenn sie ausgelebt werden, die Grundlage seiner Arbeit sind? "Ich muss bei der Analyse meiner Fälle emotionslos an meine Tätigkeit herangehen. Ich muss schließlich, so grotesk es klingt, mit dem Täter zusammenarbeiten und ich lerne ja auch von ihm. Emotionen sind bei meiner Arbeit alles andere als berechtigt, zulässig oder notwendig." Für jemanden, der seinen Beruf ergreifen will, ist es daher wichtig, fährt Thomas Müller fort, wie er denkt: "Er muss vor allem vernetzt denken können. Und er muss sich darüber im klaren sein, dass er den Luxus der Unschuld hat. Sie und ich, wir können im Prinzip tun, was wir wollen. Es gibt aber viele Menschen, die das nicht können. John Steinbeck hat gesagt, dass es Leute gibt, die in Erfahrungswelten leben, die wir nicht betreten können. Manche leben in einem derartigen Zwang, andere zu töten, dass sie allein gar nicht herauskönnen."

Thomas Müller zitiert öfters Autoren, auch Kriminalschriftsteller. Einer seiner bevorzugten ist Georges Simenon, der Schöpfer von Maigret- und anderen Romanen, die von menschlichen Abgründen und Grenzbereichen handeln. "Mir gefällt er besonders, weil er aufzeigt, dass es in unserem Bereich nicht wichtig ist, zu be- oder verurteilen, das ist nicht unsere Aufgabe, sondern zunächst einmal müssen wir versuchen, zu verstehen. Stefan Zweig hat einmal gesagt, dass es schöner ist, einen Menschen zu verstehen als ihn zu verurteilen. Das ist das Credo meiner Arbeit."

Ein anderes Credo seiner Arbeit ist, dass Glaubensfragen in seiner Tätigkeit nichts verloren haben, wie er energisch feststellt. "Ich arbeite aufgrund empirisch belegbarer Fakten, aus denen ich meine Schlüsse ziehe. Glauben, das ist ein Teil meiner Religiosität. Ich glaube an etwas Höheres und daran, dass es eine ausgleichende Gerechtigkeit gibt. Ich halte es nicht mit dem Franz Moor aus Schillers Räuber, der sagt, mit dem Tode ist alles erledigt."

Was möchte er denn mit seiner Arbeit erreichen, was treibt ihn an? "Wenn alles, was ich tue, nur ein einziges Delikt verhindert, dann war es das wert. Nur, dessen bin ich mir auch bewusst, erfahren werde ich das letztendlich nie." (Claudia Koreimann/DER STANDARD, Printausgabe, 12.10.2002)

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