Das Ich ist unrettbar

13. Oktober 2002, 11:00
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Ernst Mach: "Die Analyse der Empfindungen" (1886)

Ein Physiker und Mathematiker, der - obwohl sich selbst nicht als Philosoph betrachtend - 1895 auf den eigens für ihn eingerichteten Lehrstuhl für Philosophie der induktiven Wissenschaften an die Universität Wien berufen wurde, hat mit einem Buch zur Wahrnehmung einen Sturm der Begeisterung wie auch der vehementen Ablehnung entfacht. Denn dieses erstmals im Jahre 1886 unter dem Titel Beiträge zur Analyse der Empfindungen im Verlag von Gustav Fischer in Jena erschienene Buch erregte und polarisierte seine Leserschaft, die von der Philosophie über die Literatur und Kunst bis hin zur internationalen Politik reichte. Das von Ernst Mach, dessen Name heute im Alltag wohl nur als Maßeinheit für die Überschall-Geschwindigkeit präsent ist, in seiner Prager Zeit dem englischen Mathematiker Karl Pearson gewidmete, (im heutigen Jargon) "interdisziplinäre" erkenntnis- und wissenschaftstheoretische Werk stellte eine Art Prolegomena zu einer jeden Philosophie dar, die als empirische Wissenschaft wird auftreten können. Das breite inhaltliche Spektrum des in einer beeindruckenden Wissenschafts-Prosa geschriebene aperc¸uhaften Werks entsprach sowohl dem literarischen Zeitgeist, der vorrevolutionären politischen Kultur, wie auch der "Krise der Philosophie" im Umfeld der sogenannten zweiten naturwissenschaftlichen Revolution im Fin de Siècle. Als Wegbereiter der Relativitätstheorie hat Mach durch seine Kritik an der klassischen Mechanik seit Newton (Mach'sche Prinzip) - von Einstein bezeugt - Eingang in die Ruhmeshalle der Physik gefunden, auch wenn seine Kritik an der Atomistik eines Ludwig Boltzmann zum überzeichneten Bild vom "Gigantenkampf" der beiden Hofräte führte.

Nach Kindheits- und Jugendjahren im Marchfeld, Reifeprüfung am Gymnasium von Krems und Studium und Habilitation an der Uni Wien begann im Jahre 1864 Machs beruflicher Aufstieg mit der Berufung als Ordinarius für Mathematik, danach von 1866-1867 für Physik an die Universität Graz, wo er durch die Bekanntschaft mit dem Nationalökonomen Emmanuel Hermann das Ökonomie-Prinzip der Forschung, nach dem die geistige Tätigkeit des Forschers eine wirtschaftliche oder ökonomische ist, entwickelte. Von 1867 bis zu seinem Weggang nach Wien 1895 hatte Mach den Lehrstuhl für Experimentalphysik in Prag inne, wo er den Grundstein für seine internationale Reputation legen konnte. In den Prager Jahren kam Mach als Dekan und Rektor auch in den Sog des anwachsenden Nationalitätenstreites, wobei er vergeblich als Anti-Nationalist gegen die Teilung der Prager Unversität in eine deutsche und tschechische eintrat. Das erste Hauptwerk der Prager Periode, Die Mechanik (1883), präsentierte in ausgearbeiteter Form das Ökonomie-Prinzip, die antimetaphysische und sprachkritische Methode, sowie eine fallibilistische Erkenntnistheorie (lange vor Karl Popper) - alles Ideen, die im Spätwerk Erkenntnis und Irrtum (1905) weiter ausgearbeitet werden sollten. Schließlich wurde Ernst Mach mit starker Unterstützung durch Theodor und Heinrich Gomperz auf den Wiener Lehrstuhl berufen, den er bis zu seiner vorzeitigen Emeritierung aus gesundheitlichen Gründen 1901 innehaben sollte. Machs Nachfolger waren Ludwig Boltzmann und zuletzt - von 1922 bis zu seiner Ermordung 1936 - der Begründer des berühmten Wiener Kreises, Moritz Schlick.

In seinem erkenntnistheoretischen Hauptwerk, Beiträge zur Analyse der Empfindungen, ab 1900 Die Analyse der Empfindungen und das Verhältnis des Physischen zum Psychischen, präsentiert Mach einen eleganten Monismus des physischen und psychischen Geschehens als Alternative zu einer jeden Form idealistischer Verdoppelung der Wirklichkeit, von Außen und Innen, oder eines Dualismus von Ich und Welt. Dazu schreibt er in seinen autobiografischen Bemerkungen: "Den Fortschritt der Erkenntnis sehe ich, ob es sich nun um die physische oder die psychische Welt handelt in der Anpassung der Gedanken an die Tatsachen und in logischer Beziehung in Anpassung der Gedanken (Vorstellungen) aneinander."

Worin lag - und liegt - die Faszination der Analyse? In 15 Kapiteln zeichnet der Physiker, Mathematiker und Wissenschaftsphilosoph die Konturen seiner monistischen "Elementenlehre", basierend auf den damals neuesten Erkenntnissen der Physiologie, Psychologie und Physik und beginnend mit programmatischen "antimetaphysischen Vorbemerkungen". Mach geht es um "die Auffassung der Empfindungen als gemeinsame Elemente aller möglichen physischen und psychischen Erlebnisse, die lediglich in der verschiedenen Art der Verbindung dieser Elemente, in deren Abhängigkeit voneinander bestehen". Damit sollte hier "kein System der Philosophie, keine umfassende Weltansicht geboten werden". Konsequenterweise hat Mach unter dem Einfluss von Hume und Lichtenberg das personale "Ich" als zentrale Substanz mit der provokanten Formulierung "Das Ich ist unrettbar" abgelehnt, was für traditionalistische Eliten die stärkste Provokation darstellen sollte. Gleichzeitig ermöglichte er damit eine Art "Philosophie des Impressionismus" (Hermann Bahr) mit der Auflösung des Substanz- und Kausalitätsbegriffes als Bezugsfeld für die literarische Moderne ausgehend vom "Jung Wien", Arthur Schnitzler bis hin zu Robert Musils Mach-Rezeption, die sich noch in seinem Mann ohne Eigenschaften erkennen lässt. Musil hatte sich bereits im Jahre 1908 mit seiner Dissertation "Beiträge zur Beurteilung der Lehren Machs" intensiv und kritisch mit dem "Empiriokritizismus" (so die gängige Bezeichnung nach Richard Avenarius) auseinander gesetzt, und sollte sich bis zu seiner Emigration mit den Schriften des Wiener Kreises beschäftigen. Die Analyse der Empfindungen lieferte somit eine empirische Fundierung und Begründung der Wissenschaften durch die Integration von Philosophie, Physik, Psychologie, Physiologie und Biologie jenseits jedes Anspruchs auf eine vollständige und systematische Weltanschaung. Die Wirkungsgeschichte des Werkes zeigt eine beeindruckende internationale fächer- und länderübergreifende Aufnahme samt Weiterentwicklung. Das Buch erschien als Analyse der Empfindungen in 9 Auflagen bis 1922 und Übersetzungen ins Englische, Italienische, Russische, Ungarische und Spanische mit mehreren Reprints, zuletzt in Deutsch 1991.

Aber der Einfluss dieses Buches reichte über die akademischen Mauern hinaus: zum Beispiel zum Journalisten und Sprachphilosophen Fritz Mauthner und zum frühen Ludwig Wittgenstein (mit der Idee des Gedankenexperiments). Die starke Rezeption um die Jahrhundertwende manifestiert sich auch in der Politik: während Lenin sich schon sehr früh durch Machs Lehre und deren Einfluss in Rußland zum Verfassen des programmatischen und bis zur Wende 1989/90 kodifizierten Buches Materialismus und Empiriokritizismus. Kritische Bemerkungen über eine reaktionäre Philosophie (Russisch 1909) veranlasst fühlte, fand Mach im Austromarxismus - vor allem durch Friedrich Adler initiiert - eine starke Anhängerschaft als Mentor eines "dritten Wegs" zwischen dialektischem Materialismus und Transzendentalphilosophie. Nicht zuletzt zollte die Musikwissenschaft , sowie die Kunst und Kunsttheorie seit Alois Riegl dem Wiener Physiker und Wissenschaftsphilosophen Tribut: während die Rezeption der Analyse der Empfindungen im Impressionismus schon zu Lebzeiten nahe lag, ist die Beachtung in der Bauhaus-Tradition oder in der gegenwärtigen Minimal Art weniger bekannt. Nicht zu vergessen die direkte Aufnahme in der Kunstwissenschaft, konkret in Carl Einsteins Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts.

Der vom Wiener Kreis 1928 zur Verbreitung wissenschaftlicher Weltauffassung begründete "Verein Ernst Mach" wurde als Folge des Februar 1934 trotz heftigen Protestes seines Präsidenten Moritz Schlick gewaltsam aufgelöst. Aber vielleicht besinnt sich die Wiener Universität in der Phase ihrer neuen Autonomie der eigenen wissenschaftlichen Vergangenheit und errichtet wieder den berühmten Lehrstuhl von Mach, Boltzmann und Schlick in Anerkennung ihrer Leistungen und zur Fortführung dieser großen Wiener Wissenschaftstradition? (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12./13. 10. 2002)

Von Friedrich Stadler

Friedrich Stadler, ao.Univ.Prof., lehrt Wissenschafts- Geschichte und Wissenschafts- Theorie an der Universität Wien. Er ist Begründer und wissenschaftlicher Leiter des "Instituts Wiener Kreis".

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