"Ich plädiere für Allgemeinbildung"

11. Oktober 2002, 21:40
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Günther Jauch über Intelligenz, Tests und TV-Shows

STANDARD: Bis zu 11 Millionen Zuschauer in der Spitze haben letztes Jahr beim IQ-Test eingeschaltet. Haben Sie mit diesem Erfolg gerechnet?
Günther Jauch: Nein, überhaupt nicht. Ich dachte, dass das ein bisschen zu sehr ans Telekolleg erinnert, wenn wir 20 Sekunden lang ein Täfelchen ins Bild halten und dazu diese absolute Ruhe, die während der Sendung herrschte, während die Leute versucht haben, die Fragen zu beantworten. Ich habe tatsächlich nicht damit gerechnet, dass eine ganze Nation sich mit Papier und Bleistift vor den Fernseher setzt. Insofern war ich schon positiv überrascht.

STANDARD:Wie waren die Reaktionen in Ihrem Bekanntenkreis? Haben da einige mitgemacht?
Jauch: Es war schon so, dass viele auf mich zu kamen und sagten: "Na, was glaubst du?" Und dann sagte ich: "Wie, was glaub' ich?" Sie schauten mich nur an und sagten: "128". Zuerst verstand ich das gar nicht, aber dann erklärten sie mir, dass sie zum Teil weit besser abgeschnitten haben, als sie das von sich selber vorher geglaubt haben. Diejenigen, die schlechter abgeschnitten hatten, haben es mir entweder nicht gesagt oder erzählten, "...na ja, da hatte ich einen Bildausfall und habe die Aufgabe deswegen nicht richtig mitbekommen". Aber ich habe gemerkt, wie erleichtert viele waren, die an sich gezweifelt haben und die trotz ihrer vielleicht nur mittleren, formalen Bildung auf einmal ein richtig gutes IQ-Ergebnis erzielt haben.

STANDARD:Haben Sie in der Zwischenzeit selbst einen IQ-Test gemacht?
Jauch: Nein, ich habe auch keine große Neugierde.

STANDARD:
Wer ist für Sie persönlich der intelligenteste Mensch, den sie je getroffen haben?
Jauch: Ich will es mal andersherum sagen. Ich glaube, dass die meisten richtig intelligenten Menschen nicht durch das Fernsehen bekannt sind. Das sind eher umfassend gebildete Wissenschaftler, die in irgendwelchen Hinterzimmern an Universitäten arbeiten und die kein Mensch kennt. All die Figuren, die wir aus dem Medienbetrieb kennen, sind sicher mehr oder weniger intelligent, aber sie gehören nicht zu der cr`eme de la cr`eme unserer Intelligenz.

STANDARD: Das Fernsehpublikum hat auf jeden Fall auch viel Spaß an den Sendungen rund um Wissen und Intelligenz. Wie erklären Sie sich das?
Jauch: Ich glaube, dass es bei jedem Einzelnen eine Sehnsucht danach gibt, zu wissen, wie gut bin ich eigentlich? Bin ich vielleicht intelligent, obwohl ich kein Abitur oder einen Universitätsabschluss habe oder seit 30 Jahren keinen Volkshochschulkurs mehr besucht habe? Bin ich intelligent, obwohl ich noch so jung bin oder obwohl ich schon so alt bin? Bin ich intelligenter als mein Bruder oder meine Tante, und wie schneide ich gegenüber meinem Vater ab? Ich glaube, was diese Art von Sendungen interessant macht, ist, dass man sich dort auf spielerische Art messen kann und am Ende doch einen Wert herausbekommt, mit dem man etwas anfangen kann und der einem vielleicht auch Selbstbewusstsein verleiht.

STANDARD: Es gibt keinen allgemein gültigen Wissenskanon mehr. Was gehört für Sie auf jeden Fall immer noch dazu?
Jauch: Also ich plädiere ja immer für eine möglichst breite Allgemeinbildung und eine nicht zu frühe Spezialisierung. Es ist natürlich immer die große Streitfrage: Ist es wichtiger, Goethes Erlkönig zu kennen oder eher Windows 2000 zu beherrschen? Ich denke, dass es sinnvoll ist, frühzeitig damit anzufangen zu lernen, sich zu fordern und sich mit geistigen Inhalten zu beschäftigen. Ich fände es zum Beispiel wichtig, dass im Kindergarten nicht nur gespielt wird, sondern dass man diese Phase zwischen drei und sechs Jahren nutzt, in der Kinder unbedingt und gerne lernen wollen. Wenn sie Spaß daran haben, dann sollte man ihnen auch schon was beibringen, anstatt nur mit ihnen zu spielen.

STANDARD:Wann sind Sie sich das letzte Mal ziemlich blöd vorgekommen?
Jauch: Als ich neulich im Baumarkt das Anschlussstück für einen Gartenschlauch kaufen wollte. Ich wurde gefragt: 1/2 oder 3/4 Zoll?' und konnte diese mittlerweile für jeden Heimwerker banale Frage nicht beantworten und kam natürlich mit dem falschen nach Hause.

STANDARD:Wie viel Prozent der Fragen könnten Sie eigentlich selbst beantworten? Und: Haben Sie selbst auch einiges gelernt in den letzten drei Jahren?
Jauch: Klar! Natürlich werde ich nicht mehr vergessen, dass die längste Grenze, die Deutschland mit einem Nachbarland hat, die österreichische ist - nachdem also der Pfarrer Eichhammer da im letzten Moment bei der Frage zurückgezuckt ist. (Anke Eickmeyer, DER STANDARD/Album; Printausgabe, 12./13.10.2002)

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    foto: standard/rtl

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