Mobilisierung der Bilder

13. Oktober 2002, 11:00
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Ein Unbekannter ist er nicht gerade - und doch gilt es, den Wiener Sozialphilosophen Otto Neurath neu zu entdecken: als Pionier der vernetzten Wissensgesellschaft

Was zuerst "Wiener Methode" und später dann, im politisch erzwungenen Exil, "Isotype" genannt wurde, war eine medientechnische Neuerung. Die neu entwickelte Bildersprache privilegierte die multimediale Darstellung und eine entsprechend vielseitige Anwendung. Gegenüber der linearen Schrift in Druckzeilen hatte sie den Vorteil, unter Ausnutzung der Zweidimensionalität von Druckbögen und Schautafeln vor allem Bezüge, zeitliche Entwicklungen und Konstellationen zu veranschaulichen.

Selbst ein viel gereister Zeitgenosse, führt Neurath in seinem 1936 bei einem renommierten Londoner Verleger erschienenen Buch International Picture Language die primären Einsatzmöglichkeiten von Isotype an: visuelle Leitsysteme am Bahnhof, Hafen oder Flughafen, Gebrauchsanweisungen für Fernsprecher, Benutzungshinweise für Hotelgäste, Zeichen für verschiedene Dienstleistungen und Angebote innerhalb eines Amtes oder einer öffentlichen Institution, Verhalten in Notfällen.

Dies alles sind Bereiche, wo es Bedarf gab und in denen sich der Gebrauch einer funktionalen Bildersprache folglich durchgesetzt hat. Doch es ist gerade dieser Erfolg, der den viel tiefergehenden Anspruch verdeckt: eine unabhängig vom jeweiligen Bildungsstand funktionierende Möglichkeit zur Navigation im Gesamtpool des gesellschaftlichen Wissens zu schaffen.

Neurath forderte: "Der gewöhnliche Bürger sollte in der Lage sein, uneingeschränkt Informationen über alle Gegenstände zu erhalten, die ihn interessieren, wie er geographisches Wissen von Karten und Atlanten erhalten kann." Daher sollte Isotype letztlich eine "Humanisierung des Wissens" bewerkstelligen, mit dem erklärten Ziel, "Wissen durch visuelle Mittel weitestmöglich mitzuteilen und dadurch die Kluft zwischen Völkern und Sprachgruppen verringern zu helfen".

Ein erster Schritt in diese Richtung war ein völlig neues Museumskonzept. Gemäß seiner Forderung nach einer Demokratisierung des Zugangs zum Wissen hat Neurath die Chance gesehen, in den "Museen der Zukunft" die Kluft zwischen Fachwissen und Publikumsinteressen erfolgreich zu überbrücken.

Die primäre Frage dabei war, wie das Wissen zu denen kommt, die es brauchen. Dazu wandert es aus Amtsstatistiken und Fachbüchern auf die Schautafeln, die im öffentlichen Raum gezeigt werden können: Das Museum kommt zu den Menschen. Zunächst bedeutete das Ausstellungen in der Volkshalle des Wiener Rathauses. Hierher fanden auch Menschen den Weg, die vor den Musentempeln des Bildungsbürgertums gewöhnlich Halt machen. Die Überlegung ging weiter: Arbeitende Menschen finden in den traditionellen Museen nichts von aktuellem Interesse. Als vielleicht erster "Medienwirkungsforscher" hat Neurath nicht nur Publikumsbefragungen durch-

geführt, um das Kommunikationsangebot mit deren Wahrnehmung abzugleichen. Sein Konzept sah auch das Einbeziehen von Interessenvertreter des Publikums in die Ausstellungsplanung vor, damit es letztlich nicht nur zu sehen gab, was den Ausstellungsmacher selbst interessiert.

Dazu kam noch eine fundamentale Revision des traditionellen Verständnisses vom Museum. Die Umkehrung der Perspektive vom Anbieter zu den Nutzern von Informationen war eine Sache; die andere war die einer zeitgemäßen Museumsidee. "Dass jedes Museum einzigartige Objekte ausstellen sollte" und so eine Sammlung "berühmter Einzelobjekte" ergibt, war die übliche Ansicht. Neurath dagegen ist sich seines Zeitalters bewusst, das ganz im Zeichen der technischen Reproduzierbarkeit stand.

So werden die Ausstellungstafeln seines "Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseums" kopiert und mittels vereinheitlichter Visualisierungsmittel reproduziert. Kopien nicht nur von Schautafeln, sondern ganze Museen würden in Zukunft kopiert und international gezeigt werden. Die Reproduzierbarkeit nämlich ist es, die Verbreitung ermöglicht, das Wissen sichert und damit allgemein verfügbar macht. Der Vergleich mit dem Übergang von der Manuskript- zur Buchkultur drängt sich hier auf. Wissen entsteht nicht länger als das gelehrte Produkt kontemplativer Versenkung über ein einzigartiges Manuskript. Erst durch die massenhafte Reproduktion identischer Informationselemente kommt es zu einer Verbreitung, Sicherung und schließlich Ausweitung von Wissensbeständen.

Otto Neurath experimentierte mit allen denkbaren Formen der öffentlichen Kommunikation. Schautafeln, Reliefs, bewegliche Modelle, Trickfilme - eine Beschränkung der Mittel zur Entwicklung von geeigneten Medien des Wissens kannte er nicht. Generell wurden Logik und Argumentationskraft von Bildern gegenüber Texten aufgewertet. Gleichzeitig wurden die Möglichkeiten der Montage als medialer Schlüsseltechnologie des 20. Jahrhunderts in wissenschaftlicher seriöser Weise genutzt. Es sollte mehr erreicht werden als bloß die Veranschaulichung empirischer Fakten.

In Neuraths "Enzyklopädismus" fällt letztlich dreierlei zusammen: ein neues Wissenschaftskonzept, eine neue Wissenschaftssprache und neue Formen des Wissenstransfers. Dazu gehört noch eine internationale Vernetzung der Ressourcen. Neue Dokumentationszentren und neue Formen des Wissensmanagements ließen bereits Konzepte dessen erahnen, was Jahrzehnte später und mit erweiterten technischen Mitteln als Wissensvernetzung im Internet realisiert wurde. So gab es in der 30er-Jahren eine Kooperation mit Paul Otlets publizistischem Dokumentationsarchiv in Brüssel. Geplant war das Auftragswerk Orbis, ein internationaler Zivilisationsatlas. Dieses Wissensarchiv, das auch einen ausgearbeiteten visuellen Thesaurus umfasst hätte, scheiterte nicht zuletzt an den unzureichenden technischen Mitteln wie Karteikarten und Bildtafeln. Dennoch erstaunt es, dass die Ausdrucks- und Verteilungsfunktionen von Wissen bereits hinterfragt und neue Orientierungs- und Navigationsmöglichkeiten im Wissensraum konzipiert worden sind: mit dem Ziel, einen bildungsunabhängigen, demokratischen Zugriff auf Informationen zu schaffen.

Mit den neuen audiovisuellen und digitalen Kulturtechniken verschiebt sich abermals die Grenze zwischen natürlichen und künstlichen Zeichen. Das Bild ist inzwischen zu einer zentralen Kategorie der Natur- und Kulturwissenschaften geworden. Auch jenseits der Sprache gibt es sprechende Zeichen, so lautete das Credo von Otto Neurath. Man muss nicht in Worte fassen, was man mit Bildern zeigen kann. Das bezog sich zuvorderst auf die leichtere Erfassbarkeit von Zahlenverhältnissen in Bildstatistiken, und im weiteren auf rasche und problemlose Kommunikation im öffentlichen Raum. Aber auch beim argumentierenden Denken und bei der Wissensvermittlung helfen die Bilder.

Ob Bilder die Sprache ersetzen, war nicht sosehr eine Frage wie die, wie Bilder zum erfolgreichen Einsatz neben der Schrift beschaffen sein müssen. Das gegenwärtig unendlich erweiterte Repertoire der Sichtbarkeiten generiert neue Probleme des Designs und der kulturellen Codierung. Damit sind nicht nur die Benutzeroberflächen gemeint; die meisten technischen Bilder, mit denen wir es heute zu tun haben, sind Bilder zweiter Ordnung, die nichts abbilden, sondern etwas zeigen oder etwas bedeuten. In vielen Bereichen der technologischen Anwendung kommen Codes jenseits der Schrift und auch der verbalen Artikulation zu Zug. Damit rücken neue Konfigurationen des Denkens ins Zentrum einer postmodernen Kultur. Der Medienphilosoph Vilém Flusser diagnostizierte schon vor langem das Fehlen einer entsprechenden "Einbildungskraft".

Deren Entwicklung war schon Programm der neuen Bildersprache. Bevor all diese Fragen ins Bewusstsein drangen, hat Neurath in seinem Kontext das Bild von der Rolle befreit, Welt abzubilden oder zu repräsentieren. Seine Methode zielte auf die Darstellung und Verdeutlichung von Relationen und sozialen Verhältnissen. Die Bildersprache wurde systematisiert, nicht um etwas zu illustrieren oder zu zeigen, Neurath brachte die Bildsymbole allererst dazu, dass sich etwas zeigt. Das Erbe seines Programms ist, dass die neuen Bildwelten einer aufmerksamen Gestaltung bedürfen und dass das Wissen um die Herstellung und die Organisation der neuen kulturellen Oberflächen von entscheidender Bedeutung ist. (Frank Hartmann/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12./13. 10. 2002)

Frank Hartmann ist Dozent für Medientheorie am Publizistik-Institut der Universität Wien.

Von ihm und von Erwin K. Bauer ist soeben erschienen: Bildersprache Otto Neurath Visualisierungen, mit einer historischen Aufarbeitung und mehreren aktuellen Beiträgen. EURO 29,-/168 Seiten, WUV Universitätsverlag, Wien.

Am 22.-23. November wird an der Angewandten in Wien eine Tagung zum Thema Bildersprache stattfinden. Programm und Infos auf der Webseite
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    Otto Neurath

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