Die Stadt am Fluß

11. Oktober 2002, 20:36
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Eine literarische Anthologie zu Frankfurts Main

An Kaimauern und Brückenpfeiler wirft, scheppernd und gurgelnd, Treibgut jener Main, der Hölderlin "geräuschlos leben" lehrte. "Still hingleitende Gesänge" ruft der Fluss heute kaum noch hervor. Das zeigt zumindest die Lektüre einer eben erschienenen Anthologie zu Frankfurt, der "Stadt am Fluß", kürzlich im dort ansässigen Suhrkamp Verlag erschienen.

Vom Main selbst sprechen nur wenige Beiträger. Denn, so fragt Eva Demski: "Wie beschreibt man einen Fluß, ihn selbst und nicht seine Ufer?". Im trüb dahintreibenden Wasser erkennen die meisten Autoren nur die schwache Reflexion des Geschehens an seinen Rändern. Da blitzen die Hochhäuser auf, aus ihren Fenster starren, umkräuselt, melancholische Physiognomien, die von am Uferweg vorbeischreitenden Dichtern für Nixen gehalten werden.

Andere sehen im Strom die Zukunft. So entwirft Alban Nikolai Herbst ein Szenario des mit Lothran versetzten Flusses, um ihn herum amerikanische Soldaten, im Kampf gegen angreifende Sunniten, Araber, Afghanen, in Frankfurt heimisch gewordene Affen und versprengte deutsche Guerilleros. Seine Antiutopie mischt in die Fluten eine realpolitisch allzu greifbare Vision, die ein Ende aller geistigen und natürlichen Reflexionen bedeutete: "Wieder ein entferntes Affenzetern. Und drüben zitterten die den Aufstieg zur Eisenbrücke flankierenden Lichter und wurden vom stillen, schaurig stillen Fluß nicht reflektiert."

Gerade jene Texte, die an dem Fluss als Zeitmetapher festhalten, in seinem Strömen "ein Fließen ohne Ahnung und Ankommen, bis auf weiters nicht zu stoppen" (Frank Jakzubik) sehen, vermögen zu überzeugen. So auch Oleg Jurjews Flußkunde, in der vom Main als quadratischem Fluss die Rede ist. Diesen erkenne man nicht an seiner Oberfläche, vielmehr an seinem Bett: "Bootlose gußeiserne Anker, Kutschenräder, Badewannen (...) Die wahren Sehenswürdigkeiten müssen auf dem Grund des Mains liegen, nicht an seinem bühnenbildhaft bebauten Ufer." Der wenigen Tauchgänge in dieser Anthologie halber lohnt ihre Lektüre.(Von Christian Filips/DER STANDARD; Printausgabe, 12.10.2002)

Alban Nikolai Herbst, Die Stadt am Fluß. Literaturstadt Frankfurt am Main EURO 7,80/316 Seiten. Suhrkamp, 2002
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