Roman und Feuilleton schwimmen synchron

11. Oktober 2002, 20:18
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John von Düffel über die neuen Leiden des modernen Mannes

Das Leben eines Autors ist grundsätzlich nicht gesünder als das eines Beamten. Schreibtischjobs, wie gemacht für Rückenschmerzen und sonstige körperliche Beschwerden, über die die meisten Schreibenden aber großzügig schweigen. Von den wenigsten wissen wir, ob sie ins Fitness-Center gehen, Squash spielen oder sich am Wohnzimmerboden auf der Isomatte mit viel Überwindung zu Gymnastik zwingen. Sport, darüber spricht man nicht.

John von Düffel, 1966 geboren, Autor, Dramatiker und Dramaturg am Hamburger Thalia Theater, hat nie ein Hehl daraus gemacht, dass er schwimmsüchtig ist, dass Schwimmen für ihn mindestens so wichtig ist wie Schreiben. Bereits sein Debütroman von 1998 trägt den programmatischen Titel Vom Wasser und lässt zwei Obsessionen synchron Bahnen schwimmen: "Ich ziehe Parallelen zwischen der Endlosigkeit des glatten, kachelblauen Wassers vor dem Startsprung und den langen Strecken weißen Papiers am Anfang eines Romans", heißt es in dieser Saga um den Aufstieg und Fall einer Papierfabrikantenfamilie.

Das Motto des Buches, "Wir kehren immer zum Wasser zurück", fliegt nun wie ein Boomerang retour und zwar überraschend schnell. Nur zwei Romane liegen dazwischen, Zeit des Verschwindens (2000) und Ego (2001), schon erscheint Wasser und andere Welten , der Kommentar zum bisher Geschriebenen. Der Band vereint diverse pointiert geschriebene Feuilletons, die als Gedankensammlung, beziehungsweise Erlebnishintergrund zu den Romanen zu verstehen sind. Ein Fall von Zweitverwertung: Von der Kolumne in der schnelllebigen Zeitung (über genaue Erstveröffentlichungsdaten schweigt die Ausgabe) ins archivierwürdige Buchformat.

Neben recht locker abgehandelten poetologischen Fragen geht es um Ego-Probleme und "die neuen Leiden des modernen Mannes", der an Muskelwahn – mittlerweile in den USA als Krankheit anerkannt -, leidet und gerade die Bulemie für sich entdeckt, ebenso wie Düffel-spezifische Pubertätsbewältigungsstrategien im Schwimmbad sowie Gedanken aus dem Leben eines Dramaturgen ("Theaterkantinen haben ihre eigenen Gesetze. Wer als erster geht, hat verloren").

Nicht alles hat das Zeug für die Langstrecke. Manche der mit leichter Hand produzierten Feuilletons amüsieren bei der Frühstückslektüre, das Bedürfnis sie aufzuheben hat man aber nicht.

Unbedingt mehrmals lesen will man hingegen wie der großartige, leider schon verstorbene Ulrich Wildgruber "Richard III." geprobt hat ("Was haben wir in Salzburg getrunken"), und auch von Düffels Überleg ungen zur "Atomisierung der Mitte" und welche Folgen die wirtschaftliche Krise für die zwar als abgesicherte geglaubte, aber längst nicht mehr sichere Mitte, für die junge Dramatik thematisch mit sich bringt, ist eine brauchbare Diskussionsanregung. Wie man überhaupt sagen muss: alles was von Düffel über das Theater zu sagen hat, ist viel spannender als seine schon ein bißchen ausgewaschenen Wasserbetrachtungen. Schwimm drüber! Auf zu neuen Ufern! (Von Karin Cerny/DER STANDARD; Printausgabe, 12.10.2002)

John von Düffel, Wasser und andere Welten. EURO 10,20/135 Seiten. Dumont, Köln 2002

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