Gegenwart ist nicht immer aktuell . . .

11. Oktober 2002, 20:05
posten

Max Goldt führt die Mode des Tagebuchschreibens ad absurdum

Seit den schönen Liedtexten von Foyer des Arts ("Das Leben ist uninteressant/ aber immer wieder schön") und begeisternden Büchern wie Ungeduscht, geduzt und ausgebuht versteht es der deutsche Dichter und Musiker Max Goldt immer wieder, uns für den Kauf und die Lektüre seiner Werke zu begeistern - selbst wenn sie auf den ersten Blick so unattraktive Titel tragen wie Wenn man einen weißen Anzug anhat und als "Tagebuch-Buch" angepriesen werden. Allzu viele Menschen schreiben heutzutage Tagebuch-Bücher oder versammeln Kolumnen unter Titeln wie Deutsches Theater - und nicht selten beschwindeln sie sich selbst und uns mit der Behauptung, es wäre möglich, jeden Tag brillante Analysen zur so genannten allgemeinen Lage zu formulieren.

Dieses Ideal stellt Goldt schnell bloß, wenn er - angeblich von seinem Verleger dazu ermutigt - sein Tagebuch im von öffentlich gemachten Notaten höchst betroffener Intellektueller geradezu überschwemmten September 2001 beginnt. Angeblich, wohlgemerkt. Denn insgesamt wirkt diese Textsammlung doch eher wie eine sanfte Demontage der Mode "Tagebuch". Goldts Eintrag zu 9/11 lautet: "Zwei Stunden glotzte ich auf den Bildschirm. Ich war unglaublich durstig, sah mich aber außerstande, in die Küche zu gehen, um mir etwas zu trinken zu holen. Immerhin war ich in der Lage, einen nicht sehr guten Satz in mein Notizbuch zu schreiben: ,Weltgeschichte kotzt mich gerade an wie eine unangeleinte Kampfqualle.' Eine erste Ernüchterung trat ein, als Angela Merkel im Studio erschien. Mein Gott, warum interviewen sie die denn jetzt? Angela Merkel sagte das, was Angela Merkel halt zu sagen pflegt, wenn Terroristen in Hochhäuser hineinfliegen, und dann kam auch noch Edmund Stoiber. Ich glaube, er war es, von dem ich zuerst den Satz hörte, nun sei nichts mehr wie zuvor."

Goldts weitere Notate belegen, dass zwar trotzdem alles beim Alten bleibt, sich für den Dichter aber aus anderen Gründen einiges ändert: Wechsel - nach dem Konkurs von Haffmans - in einen anderen Verlag, Umzug in eine neue Wohnung, und dazwischen immer wieder Lesereisen. Auf einer von ihnen soll Goldt in einem Multiplex-Kino auftreten und wird davor gewarnt ein Rotweinglas hinter sich auf die Leinwand zu schleudern: Genau dies hätte kürzlich der Pop-Literat Benjamin Stuckrad-Barre getan. Wer weiße Anzüge trägt, soll nicht mit Rotweingläsern werfen, denkt man da. Aber, im Gegenteil, so Goldt ein paar Eintragungen später: Gerade in teuren weißen Anzügen passieren ihm weniger Missgeschicke mit Rotwein. Und das ist nur eine kleine feine motivische Schnittstelle in einem Buch, das allen vermeintlichen Aktualitäten ausweicht, und dabei ganz wunderbar Gegenwart abbildet. (Von Claus Philipp/DER STANDARD; Printausgabe, 12.10.2002)

Max Goldt, Wenn man einen weißen Anzug anhat. Ein Tagebuch-Buch. EURO 16,90/208 Seiten. Rowohlt Verlag, Reinbek 2002
  • Artikelbild
    verlag
Share if you care.