Das Gesicht eines friedlichen Amerikas

11. Oktober 2002, 19:58
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Expräsident Jimmy Carter erhielt den Friedensnobelpreis 2002

In der von Gott beseelten US-Politik sticht Jimmy Carters Religiosität noch hervor. Aber anders als der heutige US-Präsident, dem sein methodistischer Glaube die moralische Gewissheit gibt, stets das Richtige zu tun, ist sich der Baptist Carter seiner Fehlbarkeit stets bewusst und strebt gerade deshalb nach persönlicher und sozialer Besserung.

Der 1924 geborene Bauernsohn aus Plains machte nach dem Zweiten Weltkrieg Karriere als U-Boot-Offizier und baute nach dem Tod des Vaters dessen Erdnussfarm zu einem florierenden Unternehmen aus. In der Politik schaffte er es mit Überzeugungskraft und Intelligenz zum Gouverneur von Georgia.

Dort wäre seine politische Laufbahn wohl geendet, wenn nicht der Watergate-Skandal die gesamte politische Kaste Washingtons in Verruf gebracht hätte. Carter kandidierte 1976 als Außenseiter aus der Provinz, setzte sich mit einem jungen Beraterteam gegen weit bekanntere Demokraten durch und siegte trotz einiger Fauxpas gegen den farblosen Gerald Ford.

Die mangelnde Erfahrung, die Carter zum Wahlsieg trug, erwies sich im Weißen Haus als Belastung, und sein innerer moralischer Kompass versagte in den zahlreichen weltpolitischen und wirtschaftlichen Krisen. Energieknappheit, Inflation, die sowjetische Afghanistan-Invasion und schließlich die Geiselnahme von 54 Amerikanern in Teheran überschatteten seine Präsidentschaft - auch Erfolge wie den Camp-David-Friedensvertrag zwischen Israel und Ägypten und den Vertrag über die Rückgabe des Panamakanals. Besonders Europäer wie Helmut Schmidt konnten mit seiner religiös verklärten Naivität wenig anfangen, und auch Landsleute fanden es seltsam, als er im Playboy die "Begierde in meinem Herzen" eingestand. Carters wirtschaftlicher Konservativismus, der die Deregulierungspolitik der Achtzigerjahre vorwegnahm, verärgerte viele Parteifreunde, und 1980 entschieden sich die US-Wähler für einen einfacher gestrickten Kandidaten, der genau wusste, was er wollte.

Als Carter am Vorabend der Wahl von Meinungsforschern erfuhr, dass Ronald Reagan gewinnen werde, brach er in Tränen aus. Doch die Rolle als Expräsident erwies sich als die größte seines Lebens. Von politischen Zwängen befreit, konnte der vierfache Vater gemeinsam mit Ehefrau Rosalynn, seit 56 Jahren an seiner Seite, den Armen in Georgia Häuser bauen und weltweit für Demokratie und Menschenrechte kämpfen. Carters Vermittlungsmissionen zu Amerikas Erzfeinden verärgerten seine Nachfolger, waren aber oft erfolgreich.

Der glücklose Staatschef ist zur Ikone geworden - das furchige Gesicht eines friedlichen Amerikas, das vom Nobelpreiskomitee nicht ganz zufällig dem jetzigen Amtsinhaber vorgehalten wird.(Eric Frey/DER STANDARD, Printausgabe, 12./13.10.2002)

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