Video- und Klangwege zum Operndrama

15. Oktober 2002, 19:38
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Dirigent Daniele Gatti im STANDARD-Gespräch

Wien - Dass dieser Simone Boccanegra in Wien zu sehen ist, hängt damit zusammen, dass ihn einst das sommerliche Salzburg Gerard Mortiers vom österlichen Salzburg Claudio Abbados nicht übernehmen wollte. Und das österliche Festspielunternehmen sodann einen neuen Partner suchen durfte und in der Wiener Staatsoper einen fand. Daniele Gatti, wenn er von den Zwistigkeiten gehört haben sollte, wird indes sicher nicht geahnt haben, dass er diese Peter-Stein-Inszenierung nun in Wien in räumlich angepasster Form dirigieren würde.

Er war damals vielleicht gerade in Bologna, wo er Musikchef des Teatro Comunale ist, oder in London als Chef des Royal Philharmonic Orchestra. Möglicherweise hat er auch ein Gastdirigat in Berlin, München oder in Übersee absolviert, wo er schon alle großen Orchester geleitet hat. In Salzburg war er damals jedenfalls nicht - die Erstbegegnung mit der Stein-Inszenierung kam für den Mailänder (Jahrgang 1962) über Video. Da hat Gatti gesehen, was er nun während der Probenzeit genoss: "Peter Stein entwickelt das Drama aus der Musik, das ist in meinem Sinne."

Eigenes Tempo

Gatti scheint ein Dirigent zu sein, der sich zu nichts zwingen lässt und nichts erzwingen will. Oper schätzt er. Mehr als drei Produktionen jährlich macht er indes nicht. Statt im Flugzeug zu sitzen, studiert er lieber Musik. Aber auch bezüglich des Repertoires hat er so seine Tempoeigenheiten: "Ich haben als Chef des Orchesters der Accademia di Santa Cecilia Mahlers Neunte ins Programm genommen und sie vier Wochen vor der Aufführung rausgenommen."

Im nächsten Jahr habe sich der Vorgang wiederholt. "Irgendwann habe ich die Neunte aber gemacht und musste begreifen, dass man gewisse Werke nur dann versteht, wenn man sich ihnen in Konzerten stellt." Er, der bei einer Abbado-Opernaufführung in Mailand nach positivem Schock mit dreizehn beschloss, Dirigent zu werden, kommt natürlich dennoch reichlich herum, kann Vergleiche anstellen: "In London sind die Musiker sehr schnell, sie haben aber nicht die Chance, in die Tiefe zu gehen. Natürlich ist London speziell, das ist ein Dschungel, da lernt man überleben! In Deutschland läuft alles oft sehr zäh an, aber man erreicht eine gewisse Vertiefung. Hier in Wien sind sie auch schnell, wunderbar!"

Stichwort Musiktempo. Verdis Simone Boccanegra hat Gatti schon dreimal dirigiert, aber wenn er sich an die Erstbegegnung erinnert, so doch mit Vorbehalten: "Damals war ich extrem. Das Adagio war zu viel Adagio, und das Presto war viel zu viel Presto, da ist doch etwas Reife bei mir dazugekommen. Ich finde auch, dass Verdi eigentlich leicht zu singen ist, wenn man ihn in die Belcanto-Tradition stellt. Das Veristische wurde ja später in ihn hineinprojiziert."

Übrigens war Abbado für ihn wichtig, aber entscheidend dann doch Arturo Toscanini: "Diese Kombination aus Vitalität und Einfachheit! Er muss auch einen fantastischen Sound produziert haben. Das hört man bei den Aufnahmen nicht, aber vergessen wir nicht: Studios waren damals Soundgräber!"
(Ljubisa Tosic/DER STANDARD; Printausgabe, 12.10.2002)

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