Pakistan: Islamisten stören Musharrafs Kreise

11. Oktober 2002, 19:23
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Religiöse siegen bei Parlamentswahlen im Paschtunengebiet - Bhutto-Partei stark

Islamabad/Neu Delhi - "Dies ist eine Revolution", rief Qazi Hussain, einer der Führer der Vereinten Aktionsfront seinen Anhängern in Peshawar zu. Und als könnten sie es selber noch nicht richtig fassen, skandierten seine Gefolgsleute immer wieder mit dem Ruf: "Allah ist groß".

Islamisten sorgten bei den Wahlen in Pakistan für einen Schock: Das aus sechs religiösen Parteien gebildete MMA-Bündnis errang in der Nordwest-Grenzprovinz einen Erdrutschsieg und wird künftig in Peshawar sogar die Provinzregierung bilden. Bei den Wahlen zum nationalen Parlament zeichnet sich hingegen ein knappes Rennen zwischen Benazir Bhuttos Volkspartei (PPP) und der von Musharraf und der Armee unterstützten Pakistanischen Muslim-Liga (PML-Q) ab. Letzteres ist der regierungsfreundliche Flügel der gespaltenen Muslim-Liga des früheren Premierministers Nawaz Sharif, der, wie Bhutto auch, im Exil lebt.

Was das Bündnis im Nordwesten erreicht hat, kommt tatsächlich einer Revolution gleich. Die Vereinigte Aktionsfront wird nicht nur die Regierung in dieser an Afghanistan grenzenden Provinz stellen, sondern auch mindestens 30 Abgeordnete ins nationale Parlament von Islamabad entsenden.

Das überraschend starke Abschneiden der MMA könnte für Präsident Pervez Musharraf und dessen US-freundliche Politik echten Ärger bedeuten. Denn die MMA wird eine sehr lautstarke Opposition sein. "Wir werden zwar keine Konfrontation suchen", meinte Qazi Hussain auf der Wahlfeier der Aktionsfront, "aber wir werden weder amerikanische Militärbasen noch das amerikanische System oder eine westliche Kultur in unserem Land zulassen".

Bei den bisher letzten Wahlen von 1997 brachten es die damals einzeln antretenden religiösen Parteien zusammen auf ganze vier Parlamentssitze. Mit für ihren jetzigen Erfolg verantwortlich sind die anti-amerikanischen Gefühle, die vor allem im pakistanisch-afghanischen Grenzgebiet ausgesprochen verbreitet sind.

In der pakistanischen Hauptstadt Islamabad witzelt man, der Wilde Westen beginne hinter dem Indus, der die Grenze zwischen der Nordwest-Grenzprovinz und dem Punjab bildet. In dieser Grenzprovinz liegt die Heimat der Paschtunen, aus denen sich die Taliban in Afghanistan rekrutieren.

(Peter Isenegger - DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 12./13.10.2002)

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    Hafiz Hussain, Führer der islamischen Allianz-Partei "Muthedda Majlis-e-Amal" (MMA), spricht zu seinen Wählern

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