Kaprun-Gutachten könnte kippen

11. Oktober 2002, 18:00
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Neue Untersuchungen nötig - Urteil erst 2003

Salzburg - Dramatische Wende im Strafverfahren um die Brandkatastrophe von Kaprun: Richter Manfred Seiss ordnete an, dass zur Klärung der Brandursache weitere Experimente durchgeführt werden müssen. Verteidiger der 16 Angeklagten sprechen von Veränderungen an Beweisstücken, wodurch die Sachverständigen in ihrem Gutachten zu falschen Schlüssen gelangt sein könnten.

Anlass der Entscheidung, neue Untersuchungen zu veranlassen, ist die Zeugenaussage des Kriminaltechnikers Andreas Kozum. Der seit 22 Jahren als Brandermittler tätige Beamte gab an, dass unter der Platte des Führerstandes der ausgebrannten "Kitzsteingams" Spuren von Schwelgas gefunden worden seien. Dieses typische Zeichen "eines Anfangsbrandgeschehens" könnte laut Kozum auch auf einen Kabelbrand deuten. Schwelgasrückstände entstehen an kalten Stellen, an denen ein Feuer ausbricht.

Verlängerung

Die notwendigen Experimente werden den Prozess um die größte Brandkatastrophe der Zweiten Republik um mindestens zwei Monate verlängern. Ein Urteil ist somit erst im Frühjahr zu erwarten.

Das Gutachten, auf das sich die Staatsanwaltschaft bisher stützt, könnte nach dem neuen Wissensstand vollständig kippen. Bis jetzt gingen die Sachverständigen davon aus, dass der Heizlüfter im talseitigen Führerstand des Unglückszuges blockierte und die überhitzte Glühwendel ausgetretenes Hydrauliköl in Brand setzte. 155 Menschen verloren im darauf folgenden Brandinferno am 11. November 2000 ihr Leben.

Gestützt wurde die These vom brandauslösenden Heizlüfter bisher auch mit ölgetränkter Dämmwolle und ölverschmierten Holzplanken aus dem unversehrt gebliebenen Vergleichszug. Das könnte sich aber als Trugschluss herausstellen. Die Verteidiger verweisen auf jene Fotos der Lärchenholzverschalung des Vergleichszuges, die die Kriminaltechniker im November 2000 in Kaprun machten.

"Mutation der Beweisstücke"

In Kaprun sei das fotografierte Brett völlig sauber gewesen. Monate später wurde dasselbe Brett verdreckt und mit Ölspuren fotografiert.

Durch diese "Mutation der Beweisstücke" seien die Gutachter möglicherweise zu einem falschen Schluss gekommen, meint Anwalt Wilfried Haslauer im STANDARD-Gespräch. Er vertritt den Betriebsleiter der Gletscherbahnen. Haslauer glaubt auch den Grund für die Verschmutzung des Brettes zu kennen: Beim Transport des intakten "Gletscherdrachen" nach Linz, wo auch das Wrack aufbewahrt wird, sei alles "durcheinandergepurzelt", da der für 45 Grad Steilheit gebaute Wagen in Horizontallage transportiert worden sei. (Thomas Neuhold/DER STANDARD, Printausgabe, 12.10.2002)

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