"Niemand lebt seine eigene Wirklichkeit"

13. Oktober 2002, 20:33
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Nobelpreis für den ungarischen Dichter Imre Kertész, einen Schilderer der Ausgesetztheit von "Schicksallosen" in einem barbarischen Jahrhundert

Die Ausgesetztheit von "Schicksallosen" in einem barbarischen Jahrhundert: Kaum einer hat sie klarer beschrieben, analysiert und erzählt als der ungarische Dichter Imre Kertész. Am Donnerstag wurde ihm für sein Gesamtwerk in Stockholm der Nobelpreis für Literatur zuerkannt.


Stockholm - Heuer wurde mit dem 1929 in Budapest geborenen, in seiner Jugend nach Auschwitz und Buchenwald deportierten Imre Kertész der Richtige gewählt, auch im Zusammenhang mit der letzten Vergabe des Literaturnobelpreises: Während 2001 V. S. Naipaul die Erfahrungen eines in England lebenden Inders auf den Subkontinent zurückwirft und globale Fragen von Emigration und Fremdheitsbildern entfaltet, ist Imre Kertész der bedeutendste Dichterdenker des europäischen Kontinents.

Nicht der eines Landes - sicher: Ungarn hatte noch nie einen Literaturnobelpreisträger vorzuweisen -, sondern einer, der die mentale Struktur Europas im 20. Jahrhundert darstellt: die Strukturen des Totalitarismus. Und zwar nicht nur des deutschen oder russischen, nicht nur des vergangenenen, sondern des immer neu auftauchenden. Seine Grundfrage ist die nach der Verformbarkeit des Verhaltens unter äußerem Zwang.

"Uns entsetzt die Leichtigkeit, mit der totalitäre diktatorische Systeme die autonome Persönlichkeit liquidieren und mit der sich der Mensch in ein genau passendes, gefügiges Teil einer dynamischen Staatsmaschinerie verwandelt", meinte Imre Kertész 1995 in seiner Münchner Rede über das Jahrhundert.

Doch sein am eigenen Leib erfahrenes Entsetzen verbindet sich in seinem Schreiben mit einer Hoffnung: der Hoffnung, aus dem Bewusstsein dieser Verformbarkeit und seiner katastrophalen faktischen Auswirkungen eine neue Ethik entwickeln zu können. Schließlich habe auch Sigmund Freud die hoch entwickelte Ethik des Monotheismus aus dem Vatermord hergeleitet. Und so müsse man aus Auschwitz heraus die eigene ethische Haltung überhaupt neu aufbauen.

Nur mit diesen Voraussetzungen ist die Poetik des großartigen und nach seinem späten Erfolg in Deutschland nach 1990 weltweit beachteten Romanwerks des Imre Kertész zu verstehen: Er, der sich - als 16-Jähriger aus Buchenwald befreit - im Nachkriegs-Ungarn zeitweise als Verfasser von Operettenlibretti durchschlagen musste, arbeitete ab 1960 für mehr als ein Jahrzehnt an seinem Hauptwerk: Roman eines Schicksallosen (1975, auf Deutsch 1996).

Dieser Roman, durchsetzt mit eigenen, aber in eine Analyse hineingestellten Erfahrungen im Lager, bildet mit Kaddisch für ein nichtgeborenes Kind (dt. 1995) und mit Fiasko (dt. 1999) eine "Trilogie der Schicksallosigkeit". Warum dieser Titel, wo sich doch gerade im Totalitarismus soviel an "Schicksalen" ereignete? - Kertész hat dies in seinem die Romanarbeit begleitenden Galeerentagebuch selbst kommentiert: Im Unterschied zum Helden der antiken Tragödie wurde dem Menschen im Totalitarismus jegliche persönliche Leistung und jede persönliche Eigenschaft gerade weggerissen, zum "funktionalen Menschen" in einem System reduziert und ausgelöscht. "So lebt niemand seine eigene Wirklichkeit, sondern jeder nur die eigene Funktion, ohne das existentielle Erlebnis seines Lebens, das heißt ohne ein eigenes Schicksal, das für ihn Gegenstand einer Arbeit an sich selbst bedeuten könnte."

Arbeit am Mythos

Das ist für Imre Kertész eine Grunderfahrung, nicht nur eine aus Auschwitz. Und deshalb sieht er auch jede Auseinandersetzung mit dem Thema Konzentrationslager nicht als eine historische an, sondern als eine Arbeit am Mythos. Wie bildet er aber nun die "Schicksallosigkeit" in seinem Roman, der allgemein als ein Hauptwerk der europäischen Gegenwartsliteratur gilt, ab? Romane setzen doch Individuen voraus, und erst recht solche über Erlebnisse im KZ.

Imre Kertesz stellt in seinem Roman eines Schicksallosen aber gerade das Nichtwissen dessen dar, über den verfügt wird: Ein 15-Jähriger wird aus Budapest deportiert. Er weiß nicht das, was wir im Nachhinein aus der Historie wissen, er weiß nur, was er in Gesprächsfetzen von Erwachsenen hört. Und dazu: Gerüchte im Lager.

Es ist das absolut Unvertraute, das diesem "Ich" hier entgegengeworfen wird, eine Erfahrung größter Gewalt. Kertesz gelingt es mit seiner an der Zwölftontechnik orientierten Romantechnik ("Schicksallosigkeit" als Fokus, um den sich alle Einzeltöne herumgruppieren), auch die Lager ganz neu und unvertraut sichtbar zu machen. Die Fakten genügen noch nicht, sie müssen, meint Kertész, lebendig werden durch Imagination: durch ein poetisches Neuerschaffen der gefühlten Ausgesetztheit.

Mit diesem Verfahren kann Imre Kertész Geschichte neu schreiben: nicht als ein "Wir wissen eh schon", sondern als eine bis zuletzt unvertraute, entsetzliche, in die Gegenwart weiterwirkende Historie. Einerseits seine Einsicht: "Es hat sich erwiesen, dass die Daseinsform des Mordens eine mögliche Daseinsform, dass sie also institutionalisierbar ist." Andererseits der Auftrag aus dieser Einsicht: "Der Holocaust ist ein Wert, weil er über Leid zu Wissen geführt hat. Das Wissen um Details birgt eine unermessliche moralische Reserve. Neben der Bibel und der griechischen Tragödie steht der Holocaust."

Aus diesem ethischen Bewusstsein bezieht Kertész seine Kraft des Überlebens: Denn, wie Ilse Aichinger einmal notierte, "man überlebt nicht alles, was man überlebt". Zum Beispiel ein Konzentrationslager. Für Imre Kertész stellte sich ebendiese Alternative: Wollte er sein Überleben überleben - und nicht von den Spätfolgen in den Selbstmord getrieben werden wie Paul Celan, wie Jean Améry, wie Primo Levi -, so musste er schreiben. (DER STANDARD, Printausgabe, 11.10.2002)

Von
Richard Reichensperger
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    Imre Kertész nach Bekanntgabe der Entscheidung des Nobel-Komitees

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