Das aktuelle Buch: Milliardenschuldner und Medienmulti a. D.

11. Oktober 2002, 15:06
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Thomas Clark: Der Filmpate. Der Fall des Leo Kirch

Der Filmpate wird seine Gefühle wohl ins Grab nehmen." Nicht wirklich pathosfrei der Schlusssatz von Thomas Clark für Aufstieg und Fall Leo Kirchs.

Clark zeichnet dessen Weg nach bis zum Frühjahr 2002, als mit der Kirch-Gruppe der größte Fernsehkonzern Deutschlands mit Sat.1, Pro Sieben, Kabel 1, DSF, N24, Premiere, seinem sagenumwobenen, aber letztlich gar nicht so wertvollen Film- und Rechtearchiv, seinen 40 Prozent am größten Verlagskonzern Europas, der Axel Springer Verlags AG, Filmproduktionsgesellschaften, unzähligen weiteren Firmen doch sein Ende fand mit sieben Milliarden Euro Schulden.

Clark ist Medienredakteur der Financial Times Deutschland, schrieb davor auch für den STANDARD . Er versucht, sich Kirch persönlich zu nähern, zitiert Wegbegleiter wie den langjährigen ORF-Generalintendanten Gerd Bacher ("Kirch ist ohne jedes Selbstmitleid"). Beschreibt äußerst farbig einen seit Jahrzehnten schwer zuckerkranken und daher fast blinden Menschen, der es schaffte, wiewohl unfähig zu lesen, einen Milliardenkonzern zu führen und, nicht zuletzt dank Politik und Banken, aus allen Finanzkrisen führte. Fast allen.

Das beschert auch das einzige Problem des Buches: Natürlich erscheint es gerade noch rechtzeitig nach dem Crash, um das Phänomen Kirch zu erklären. Rechtzeitig, weil der Verkauf der Unternehmensteile noch läuft - Dienstag erst setzte die Deutsche Bank eine Versteigerung der Springer-Anteile an. Deshalb muss das Schicksal seines Konzerns offen bleiben, dessen Genese man in dem Buch so detailreich erfährt.

Und von wegen Grab: Kirch, bald 76, bietet munter um die Übernahme seiner Sportrechtegesellschaft mit. (Harald Fidler/DER STANDARD, Printausgabe, 11.10.2002)

Hoffmann und Campe, Hamburg 2002 288 Seiten, EURO 22,60

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