Leitlinie für den Kampf gegen Spitalskeime herausgegeben

11. Oktober 2002, 18:37
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Der Hintergrund: Vier bis zehn Prozent der österreichischen Spitalspatienten werden am Ort der Heilung erst infiziert

Wien - Vier bis zehn Prozent der österreichischen Spitalspatienten ziehen sich im Krankenhaus Infektionen zu. Das kann den Erfolg jeglicher Therapie zunichte machen. Jetzt hat das Gesundheitsministerium eine "ProHyg-Leitlinie" über "Organisation und Strategie der Krankenhaushygiene als generelle Empfehlung für die österreichischen Spitäler herausgegeben. Damit soll den Spitalskeimen verstärkt der Kampf angesagt werden.

"Hospitalismuskeime stellen gerade im Krankenhaus eine große Herausforderung dar. Mit unseren Umweltbedingungen schaffen wir die Voraussetzungen, dass sich die Verantwortlichen die Haare raufen müssen", erklärte Gesundheits-Staatssekretär Reinhart Waneck am Donnerstag bei einer Pressekonferenz in Wien. Mängel in der Durchführung von Hygienemaßnahmen in den Krankenhäusern, unzureichende ständige Überwachung der Situation sowie zu sorglose Antibiotika-Verschreibungen sind die Hauptursachen für das Aufkommen von Spitalskeimen, die noch dazu in vielen Fällen Resistenzen gegen die rettenden Antibiotika aufweisen.

Infektionszahlen

Der Linzer Mikrobiologe und Hygieneexperte Univ.-Prof. Dr. Helmut Mittermayer (Krankenhaus der Elisabethinen): "Wir können davon ausgehen, dass vier bis zehn Prozent aller Patienten, die ins Krankenhaus aufgenommen werden, Infektionen erleiden - 70 Prozent davon in den operativen Fächern. Obwohl nur fünf bis zehn Prozent der Patienten in Intensivstationen aufgenommen werden, kommen bei ihnen 25 Prozent der nosokomialen (im Krankenhaus auftretenden, Anm.) Infektionen vor."

Mit einer wirksamen Krankenhaushygiene könnte man die Infektionsrate laut wissenschaftlichen Studien zumindest um ein Drittel reduzieren. Auf Basis der Daten von 1993 dürften durch Spitalsinfektionen pro Jahr allein zwischen 205 und 328 Millionen Euro an Kosten entstehen.

Soll-Standard ausgearbeitet

Die in einem groß angelegten Projekt von zahlreichen österreichischen Experten aus Wissenschaft und Praxis verfasste Leitlinie soll für ganz Österreich die organisatorischen Rahmenbedingungen für eine funktionierende Krankenhaushygiene klar machen. Es handelt sich um einen Standard, der überall gelten soll.

Wie sehr die Krankenhaushygiene von der Ausbildung der Personals und der peniblen Einhaltung einfacher Vorsichtsmaßnahmen abhängt, hat eine wissenschaftliche Studie ergeben, in der in Österreich das Prozedere beim Anlegen eines Venenkatheters (Venflon) untersucht wurde.

Der Vorarlberger Hygienefachmann Hans Hirschmann: "Eine regelmäßige Surveillance (Überwachung der mikrobiellen Situation, Anm.) führen (in Österreich, Anm.) nur zwölf Prozent der Krankenhäuser durch. Das Setzen eines Venflons führte ohne handhygienische Maßnahmen bei 30,3 Prozent zu Komplikationen, mit Händewaschen bei 32,7 Prozent. Das Tragen von Handschuhen reduziert die Komplikationsrate auf 18, eine Hände-Desinfektion auf 21 Prozent."

Desinfektionsunwilliges Personal

Freilich, die in der Praxis erfolgenden Abläufe sind laut Hirschmann offenbar bei weitem nicht optimal: "Nicht einmal die Hälfte des Personals führte eine Hände-Desinfektion durch, 16,2 Prozent trugen Handschuhe, 8,9 Prozent haben sich nur die Hände gewaschen (unwirksam, Anm.), 27 haben überhaupt nichts getan (um eine allfällige Infektion zu verhindern, Anm.)."

Viele "Ausreden", nicht über den Aufbau einer geordneten und wirksamen Spitalshygiene Bescheid zu wissen, haben die österreichischen Spitäler mit Vorlage der Leitlinie allerdings kaum mehr. Jede Investition auf diesem Gebiet zahlt sich jedenfalls aus. Mittermayer: "Eine Reduktion der Spitalsinfektionen um sechs Prozent reicht aus, um die Kosten der Krankenhaushygiene zu decken." (APA)

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