Die Schlamperei im Puristenohr

13. Oktober 2002, 08:49
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11.10.2002 - Auch vorige Woche gab es eine Konferenz von Ministern. Von Kulturministern. In Graz. Die Welt hat davon gebührend Kenntnis genommen ...

... Sachlich aus der "Kleinen Zeitung", hymnisch aus der "Presse". Das steirische Blatt berichtete von Verlauf der Konferenz und Arbeit der Teilnehmer, das Weltblatt geriet aus allen rhetorischen Fugen ob der Lichtgestalt des heimischen Kunststaatssekretärs. Kurz vorweg: Franz Morak ist der Nabel der europäischen Kultur und der Kulturchef der "Presse" sein beschauender Hohepriester.

Es begann schon bei den Tagungsmappen im Grazer Congress: ferrarirot - kein Zufall! Aber auch keine politische Absicht. Denn Franz Morak wählte in der Zielgeraden seiner Begrüßungsrede den von einem Engländer hochgezüchteten italienischen Schumacher-Boliden als Metapher für Europas Tempo im Einigungsprozeß. Zwar geht es im jetzigen Stadium des Einigungsprozesses weder um England, noch um Italien oder Deutschland, aber Hans Haider biegt alles wieder zurecht, wenn der Herr Staatssekretär so hart auf das Metaphernpedal steigt, dass er in der Zielgeraden seiner Begrüßungsrede aus der Kurve fliegt. Morak: "Europa ist auch ein Ferrari, aber dieser Ferrari läuft nur mit sechs Zylindern", wodurch sich Europa vom hochgezüchteten italienischen Schumacher-Boliden so weit unterscheidet wie ferrarirot von der Grundierung der "Presse".

Bemerkenswert wie obige Metapher fand Hans Haider auch, daß sich die Kulturminister Sloweniens, Kroatiens und Serbiens ansagten. Bemerkenswert, weil: Ein persönlicher Erfolg des Kunststaatssekretärs. Er hat schon 2000 nach Wien und 2001 nach Innsbruck zu Konferenzen über "Neue Partnerschaften in einem kreativen Europa" eingeladen. Und dort die Kulturdebatten in eine ähnliche Richtung gelenkt wie im Inland auch: Kreativwirtschaft, Sponsorship, besseres Kulturwaren-Marketing. Bloß zwei Konferenzen - und schon tanzt Europas Kultur nach einer kreativen Pfeife! Da kann man nur wieder einmal sagen: Danke Haider!

Dieser Staatssekretär ist ein Teufelskerl. Nebenbei dockte Morak manches osteuropäische Kunstinstitut an die Fördertöpfe österreichischer und deutscher Unternehmen an, die als Investoren ihr Image fördern müssen. Solches muß sozialistischen Seelen ein Graus sein - aber die normative Kraft des Faktischen gebietet es längst. Dass sozialistische Seelen ein Problem damit hätten, sich von Herrn Morak an die Fördertöpfe ausländischer Unternehmen andocken zu lassen, statt diese internationale Expropriation der Expropriateurs in vollen Zügen zu lukrieren, wäre neu, vorausgesetzt osteuropäische Kunstinstitute kommen heute noch als Gefilde sozialistischer Seelenwanderung in Frage. Aber die normative Kraft des Faktischen gebietet es längst, dass in der "Presse" auch eine Gelegenheit, die sich gar nicht bietet, genutzt werde, um sozialistische Seelen mit Saus und Graus zur Hölle zu schicken.

Man glaubt es gern: Morak operiert mit unscharfen, in Puristenohren naturgemäß schlampigen Begriffen: Informationskultur, Verständigungskultur, Verwaltungskultur, Sprachkultur. Richtig beobachtet, aber wurscht, deutet Haider diese naturgemäß schlampige Begrifflichkeit doch als eine angenehme, respektvolle Distanz, denn zu oft sucht Kulturpolitik radikale Kunstansätze dem (ihrem) Kulturbetrieb einzugemeinden. Nur nix Radikales! Aber keine Angst, der Staatssekretär verfügt über eine wunderbare Zweitbegabung: Der Schauspieler, der Künstler Morak kann Kunst und Kultur aus eigenem Fühlen auseinanderhalten. Deshalb hütet er sich, von Verwaltungskunst zu sprechen, er bleibt auf angenehmer Distanz.

Seiner Morak-Apotheose vom Wochenende ließ Hans Haider in der Montag-Ausgabe der "Presse" eine zweite Fuhre folgen, offenbar in der Erwartung, erst Wiederkäuen erlaube es dem Leser, Moraks Operieren mit unscharfen, in Puristenohren naturgemäß schlampigen Begriffen und dessen gnadenlose Rechtfertigung zu verdauen. In Graz sei in bisher nie erreichter Komplettheit die Kulturpolitik der Transitions-, der Wandelländer Mittel- und Südosteuropas sowie des Baltikums versammelt gewesen, voran sieben Minister, von denen drei auch künstlerisch praktizieren. Diese Anmerkung hatte nur die Funktion, die nicht nur Puristenohren peinliche Sprache des Idols zu entschuldigen. Auch Gastgeber Franz Morak hat ein Vorleben als Künstler - und solche reden über Kultur weniger sendungs-und machtbewußt als jene Kunstvermittler, die sich seit Jahrzehnten auf Kongreßparketten hin und her schieben - wie etwa Kulturminister und -staatssekretäre.

Die "Kleine Zeitung" wurde für ihre schmerzhaft sachliche Berichterstattung gestern mit einem ganzseitigen, aber kleinformatigen Inserat zum Ruhme der stattgehabten Kulturministerkonferenz belohnt. Mit zwei Fotos, auf beiden posiert Franz Morak. Wenn er wirklich Kunst und Kultur aus eigenem Fühlen auseinanderhalten kann, wird "Die Presse" sein Konterfei demnächst mindestens zweimal bringen - im Großformat, aber gegen Bezahlung.
(DER STANDARD, Printausgabe, 11.10.2002)

Von Günter Traxler
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