Besinnung auf den langen Atem

14. Oktober 2002, 00:23
9 Postings

Die Aktienbörsen befinden sich noch einige Schritte von Einsicht und Normalität entfernt - Eine Analyse von Karin Bauer

Nur wenn die Flut weicht, so formulierte Amerikas berühmtester Investor Warren Buffett, zeige sich, wer nackt im Wasser war. Wie Recht er hat. Die Ebbe enthüllt ein ganzes System rund um die Aktienbörsen, inklusive so vieler Privatanleger wie noch nie zuvor, in seiner Hilflosigkeit. Alle sind in einer neuen, extremen Spirale der Übertreibung gefangen.

Es gibt keine Zwischentöne. Was heute Aktie heißt, ist schlecht. Die tatsächliche Lebenskraft börsennotierter Unternehmen interessiert jetzt genauso wenig wie vor drei Jahren: Damals waren Internetfirmen ohne Gewinn doppelt so viel wert wie stabile, wertbeständige Unternehmen der Old Economy. Allein die Aussicht auf Profit in einer fernen Zukunft erzeugte über Nacht Milliarden Dollar an Börsenwert.

Immense Wertverluste

Jetzt verlieren Unternehmen, die (noch immer) Werte schaffen - wie die Deutsche Bank -, an einem einzigen Tag zwei Milliarden Euro ihres Börsenwertes, ihre Kurse halbieren sich aufgrund der Furcht vor Ertragsschwächen. Ganze Sektoren stürzten täglich ohne wirkliche Begründungen um zehn Prozent ab.

Damals lebte die Finanzgemeinde von Tag zu Tag in der Erwartung ständiger zwei-stelliger Gewinne. Jetzt lebt sie von Tag zu Tag in der Furcht vor neuen Verlusten.

Die einstige Welt hat sich in ihr Gegenteil verkehrt, die Mechanismen sind dieselben, die psychologischen Fallen ebenso: Eine langfristige Perspektive ist nicht vorhanden. Der lange Atem, den alle Langzeituntersuchungen über die Entwicklung von Aktieninvestments klar als Erfolgsfaktor konstatieren, bleibt auch im Abschwung die Ausnahme. Seit Monaten wird wahllos aufgegeben, was einst der Schatz im Depot war. Die Aktienkurse erleben ihren größten Crash seit den 30er-Jahren. Sieben Billionen Dollar Börsenwert sind seit März 2000 in den USA vernichtet worden, in Europa dürfte es noch einmal halb so viel sein.

Trottel & Idioten

Wer vor fünf Jahren an Sciencefiction dachte, wenn Analytiker das Vorstoßen in Gewinnzonen prognostizierten, welche nie ein Mensch zuvor gesehen hatte, war ein Trottel. Und ein Idiot, wenn er nicht mit drei Anlegermagazinen unter dem Arm alle Wunderdinge der Nasdaq und des Neuen Marktes zusammen kaufte.

In der Annahme, dass Wirtschaftszyklen Schnee von gestern sind, wurde geborgt, investiert und auf künftige Gewinne spekuliert. Jetzt wird zu einem Wahnsinnigen erklärt, wer an die immanenten langfristigen Konzepte von Aktien erinnert und über Kaufgelegenheiten sprechen möchte: dasselbe Muster wie damals, nur auf den Kopf gestellt.

Besinnung auf den langen Atem

Tatsache ist jetzt aber, dass Aktien nach dem Rechenmodell der US-Notenbank Fed, gemessen am historisch niedrigen Zinsniveau, um 30 Prozent unterbewertet sind. Trotzdem marschieren die Börsen weiter abwärts. Das legt die Vermutung nahe, dass allein psychologische Faktoren die Besinnung auf den langen Atem aufhalten. Denn nach der übertriebenen Gier und dem übertriebenen Absturz regieren jetzt die zittrigen Hände.

Noch wurde die Finanzgemeinde noch nicht von der heilsamen Einsicht erfasst. Sie wird aber auf die beiden Kräfte der Übertreibung folgen, auch wenn sie an den Kursen erst im kommenden Jahr sichtbar werden mag (falls die geopolitische Lage die Heilung nicht weiter hinauszögert).

Anleihen vs. Aktien

Denn unter normalen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen, also einem mäßigen Wirtschaftswachstum mit moderater Gewinnentwicklung der Unternehmen, können Aktien langfristig gesehen nicht mehr als fünf Prozent Rendite im Jahr abwerfen.

Das klingt nach wenig. Aber unter der Annahme, dass die Notenbanken die Zinsen nicht erhöhen werden, um zarte Konjunkturpflänzchen zu schonen, wirken Anleihen in Europa mit real 2,5 Prozent Ertrag nicht wie eine attraktive Alternative zu Aktien.

Warren Buffett kauft jetzt Aktien, sagt er. Hinter vorgehaltener Hand geben ihm einige Analytiker Recht: Wann langfristig einkaufen, wenn nicht auf günstigem Niveau? (DER STANDARD Print-Ausgabe, 11.10.2002)

Share if you care.