Ein medialer Dominoeffekt

10. Oktober 2002, 19:44
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Krise in der deutschen Medienbranche zieht immer weitere Kreise: Jetzt ist auch die größte Nachrichtenagentur dpa betroffen - Weitere Einschnitte stehen der akut gefährdeten "Frankfurter Rundschau" bevor - "Zeit": Medienseite bedroht

Die Krise der deutschen Zeitungsbranche erfasst nun auch die größte Nachrichtenagentur in der Bundesrepublik, die Deutsche Presseagentur (dpa). In den Landesbüros wird eine ganze Organisationsebene, die so genannten "Redakteure vom Dienst" oder "Tische", eingespart. Dort werden die Texte noch einmal geprüft, bevor die Meldungen weiter verbreitet werden. Der Betriebsrat befürchtet den Verlust von rund zwanzig Arbeitsplätzen.

Verträge werden neu ausgehandelt

Aufgrund finanzieller Schwierigkeiten versuchen viele Verlage, ihre Verträge mit der Agentur neu auszuhandeln und Rabatte eingeräumt zu bekommen, was bei der dpa einen Dominoeffekt auslöst. Einige Regionalzeitungen wie die "Rheinpfalz" oder die "Freie Presse" verzichten inzwischen ganz auf die Agentur. Laut Medienberichten sollen 15 Prozent der dpa-Verträge 2003 auslaufen.

"Frankfurter Rundschau" plant "drastische Einsparungen"

Noch dramatischer als bisher angenommen ist die Krise bei der "Frankfurter Rundschau" (FR). Nach Angaben von Verlagsleiter Utz Grimmer plant der bei Banken in der Kreide stehende Verlag "drastische Einsparungen". Das Beratungsunternehmen KPMG hat Maßnahmen zur Sanierung des finanziell angeschlagenen deutschen Traditionsblattes vorgeschlagen, die "weit über das bisher Gemachte hinausgehen", so der Verlagsleiter.

Im Verlag wird derzeit ein weiteres Sparpaket geschnürt, was bis Ende nächsten Jahres die Kündigung für weitere 90 Mitarbeiter bedeuten könnte. Auch die Streichung einer der beiden Chefredakteursstellen ist in Diskussion. Verlagsleiter Grimmer will aber "nur bestätigen, dass sich etwas in der Chefredaktion ändern wird". Bereits heuer werden rund 150 der 1500 Stellen abgebaut. In allen Bereichen müssen 20 Prozent eingespart werden.

Auflage gesunken

Der FR machen nicht nur die branchenüblichen Probleme auf dem Anzeigenmarkt mit einem Minus von rund 30 Prozent - beim Stellenmarkt beträgt der Einbruch 50 Prozent - zu schaffen, auch die eigene Auflage bereitet den Verantwortlichen Sorgen: Die verkaufte Auflage sank im zweiten Quartal im Vergleich zum Vorjahr um 3,3 Prozentpunkte auf 186.000 Exemplare. Dazu kommt, dass durch die Branchenkrise die Aufträge von anderen Printprodukten bei der verlagseigenen Großdruckerei erheblich zurückgegangen sind.

Aus für Medienseiten

Laut einem Bericht der "Süddeutschen Zeitung" (SZ) soll bei der Wochenzeitung "Die Zeit" auf Geheiß der Verlegerfamilie von Holtzbrinck die Medienseite eingestellt werden. Stefan von Holtzbrinck erklärte jüngst in einem Interview, die Medien würden ohnehin zu viel übereinander berichten. Auch bei Holtzbrincks "Wirtschaftswoche" wurde vor kurzem diese Seite eingespart. Die SZ vermutet dahinter ein Kalkül nach dem Motto, "die Misere verschwinde vielleicht schneller, wenn weniger über sie geschrieben wird; vielleicht verzichten andere auf ketzerische Artikel, wenn man sich selbst Zurückhaltung auferlegt". (Alexandra Föderl-Schmid/DER STANDARD, Printausgabe, 11.10.2002)

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