Ein Aufbruch, der bis heute wirkt

10. Oktober 2002, 19:45
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Vor 40 Jahren lenkte die katholische Kirche mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil ihre oft so zögerlichen Schritte endgültig in Richtung Moderne

... die damals begonnene Auseinandersetzung zwischen Neuerern und Traditionalisten prägt die Kirche bis heute

Ein Schauspiel, wie es am 11. Oktober 1962 in Rom geboten wurde, hatte die katholische Welt noch nicht gesehen. Durch einen wolkenverhangenen Herbstmorgen bewegte sich eine Prozession von 2540 Kardinälen, Bischöfen und Patriarchen im liturgischen Ornat von den Sälen des päpstlichen Palastes zum Petersdom. Mehr als 200.000 Gläubige wohnten dem Spektakel bei, mit dem das Zweite Vatikanische Konzil begann.

Es war die erste wirklich weltweite Kirchenversammlung, bei der das bis heute gültige Aktionsprogramm der Kirche beschlossen werden sollte. Ein Chronist schwärmt von der "eindrucksvollen Demonstration des globalen Kirchencharakters", bei der noch einmal der gesamte Prunk des traditionellen Papsttums entfaltet wurde: Bischöfe aus 133 Nationen in Mitren und Rauschemänteln, Papst Johannes XXIII. auf dem Thronsessel unter goldenem Baldachin, gefolgt von Trägern mit Pfauenfedern und Lanzen. "Damals", erinnert sich Zeitzeuge Kardinal Franz König, "habe ich mir gedacht: Ja, die Kirche ist etwas Buntes. Das war mir bis dahin so nicht bewusst geworden." Erstmals waren auch Kirchenväter aus den Ländern hinter dem eisernen Vorhang anwesend.

Furchtsame Bewahrer

Im Petersdom, der auf ganzer Länge zu einem riesigen Debattiersaal umgebaut worden war, ging es sofort heftig zur Sache, wobei die bereits im Vorfeld des Konzils aufgebrochene Auseinandersetzung zwischen "Progressiven" und "Bewahrern" fortgesetzt wurde. Nicht die Debatte alter Dogmen dürfe im Mittelpunkt stehen, gab der Papst die Richtung vor, sondern "das authentische Dogma muss untersucht und gedeutet werden im Licht der Forschungsmethoden und der Sprache des modernen Denkens. Denn die Substanz des uralten anvertrauten Glaubensgutes ist eine Sache, die Art und Weise, wie es dargestellt wird, ist eine andere." Eine Ansage, die konservative Konzilsväter um ihre Glaubensfundamente fürchten ließ.

Die dreijährige Kirchenversammlung, deren Ende Papst Johannes XXIII. nicht mehr erlebte - er starb zu Pfingsten 1963 - führte zu grundlegenden Veränderungen in der Kirche: Die Liturgie wurde erneuert, was sich am auffälligsten im Gebrauch der Volkssprache bei Messen äußerte, die Rolle der Ortsbischöfe gegenüber Rom wurde aufgewertet und in weiterer Folge auch jene der Laien innerhalb der Kirche, die ökumenische Öffnung unumgänglich gemacht und das Bewusstsein einer Weltkirche begründet.

Neues Kirchenbild

Was Traditionalisten wie dem französischen Erzbischof Marcel Lefebvre gegen den Strich ging und die innerkirchliche Aueinandersetzung zwischen ihnen und den Fortschrittlichen bis heute prägt, war nicht so sehr der Streit um die Liturgie, sondern der Abschied von jenem Kirchenbild, das seit dem ersten Vatikanum von 1869/70 bestand: Das Bild einer Kirche als "feste Burg" gegen das Heidentum wurde zur Seite gelegt, mit dem Antijudaismus, wie er in der Konzilserklärung "Nostra Aetate" zum Ausdruck kommt, offiziell gebrochen und ein feierliches Bekenntnis zur Religionsfreiheit formuliert. "Ohne das Zweite Vatikanische Konzil hätte die Kirche die Konfrontation mit dem Säkularismus des späten 20. Jahrhunderts nie bestanden", betonte Kardinal König später.

Was Johannes XXIII. von einer modernen Kirche erwartete, bewies er selbst noch in der Anfangsphase des Konzils. Während die Bischöfe in Rom die Zukunft der Kirche verhandelten, drohte draußen in der Welt der Kalte Krieg zu einem realen Atomkrieg zu werden.

Am 15. Oktober 1962 ließ US-Präsident John F. Kennedy Satellitenaufnahmen veröffentlichen, die eine Stationierung russischer Raketen auf Kuba bewiesen. In einem dramatischen Friedensappell, der sowohl von Kennedy als auch dem sowjetischen Staatschef Nikita Chruschtschow gebilligt wurde, wandte sich der Papst am 25. Oktober an die Weltöffentlichkeit.

"Was der Papst für den Frieden getan hat, wird in die Geschichte eingehen", sagte Chruschtschow, nachdem die Krise beigelegt war. Einen historischen Augenblick lang schien es, als könnte der Papst mit seiner Vision Recht behalten: "Ein neuer Geist bemächtigt sich allmählich der Gedanken von Politikern, Ökonomen, Wissenschaftern und Schriftstellern." (Samo Kobenter/Peter Mayr/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 11. 10. 2002)

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