"Viele sind frustriert vom Christentum"

10. Oktober 2002, 19:16
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Buddhismus aus Sicht der Psychologie - der Wiener Psychologe Alfred Pritz im Interview

Wien - Fernöstliche Denkschulen und Religionen wie der Buddhismus finden in der westlichen Welt mehr und mehr Anhänger. DER STANDARD fragte den Wiener Psychologen und Präsidenten des Weltverbandes der Psychotherapie, Alfred Pritz, nach seiner Interpretation der religiösen Zeitgeisterscheinung.

STANDARD: Was macht in den Augen des Psychoanalytikers die Faszination des Buddhismus aus? Warum wenden sich zunehmend mehr Menschen im Westen, auch in Österreich, diesen Religionen zu?

Pritz: Es ist zuallererst dieses unaggressive Auftreten des Religionsführers, des Dalai Lama, der nicht moralisierend durch die Welt zieht, sondern mit der Botschaft, dass die Menschen mit all ihren Fehlern akzeptiert werden. Es geht nicht um Schuld und Sühne, sondern um die Möglichkeit einer persönlichen Reifung. Und schließlich sind auch viele vom Christentum frustriert.

STANDARD: Ist nicht dieses Konzentrieren auf die persönliche Reifung, dieses In-sich-Kehren eine zutiefst egoistische Komponente, was wiederum ein interessanter Aspekt vor allem für die westliche Welt sein kann?

Pritz:Das glaube ich nicht. Es wird gerade im Buddhismus die Gemeinschaft gepflegt, wie auch das Fest in Graz zeigt. Es wird Verständnis gezeigt für die Fehler des Einzelnen. Es wird verziehen. Und gerade in der Gemeinschaft kommt auch eine spielerische Komponente wie bei den Ritualen hinzu. Man trifft sich zu einem positiven, unaggressiven Event in der Gemeinschaft.

Natürlich ist auch das geistige Angebot des Buddhismus sehr angenehm. Man ist nicht verdammt in alle Ewigkeit, sondern erhält die Chance auf Besserung. Man kann sich dynamisch nach oben ziehen.

STANDARD: Wie gefährlich ist der Buddhismus? Muss man ihn auch unter dem Aspekt der Gefahr einer Abhängigkeit - im Sinne von Sekten - beurteilen?

Pritz: Die Gefahr einer Abhängigkeit besteht bei jeder Religion. Dass man sein Leben danach orientiert und die Probleme erst recht nicht bewältigen kann. Davor ist niemand gefeit. Und natürlich spielt auch das Charisma des Religionsführers eine Rolle. Das ist aber nicht anders zu sehen als im Christentum. Auch der Papst hat eine Strahlkraft, und viele verherrlichen ihn. (Walter Müller/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 11. 10. 2002)

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