Ein Gott als lachender Popstar des Buddhismus

11. Oktober 2002, 14:44
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Der Dalai Lama feiert vom Wochenende an das große Einweihungsritual in den Buddhismus - Tausende zieht es nach Graz zu einem Superstar der Religion

Graz - Das mehrere Meter hohe goldene Monument erhebt sich unweit eines Kinderspielplatzes aus dem Grazer Volksgarten. Die Umkreisung des Bauwerks soll Glück bringen. Es ist ein Friedensstupa, welchen das Oberhaupt des tibetischen Buddhismus, der XIV. Dalai Lama, 1998 einweihte. Seit damals wurde die Stadt sukzessive auf das Kalachakra-Ritual für den Weltfrieden vorbereitet.

Das Grazer "She Drup Ling Zentrum", das den Megaevent organisiert, ist bereits etabliert. Es eröffnete schon im Vorjahr einen Shop und ein Teehaus. Räucherstäbchen und Rosenblütentees können dort ebenso erworben werden wie buddhistische Literatur, Kalender mit Bildern vom Dach der Welt, bunte Taschen, Silberschmuck und Buddhas in verschiedenen Größen. Ob die Laufkundschaft den Hintergrund der Waren kennt, ist unwichtig: In Zeiten von Ethnomode und Hippie-Revival sind sie für viele attraktiv. An Bildern des Buddhismus kommt man in diesen Tagen in Graz nicht mehr vorbei.

Freitag ist der "große Tag": Am Nachmittag trifft der Dalai Lama in der Stadt ein.

Bürgermeister Alfred Stingl mühte sich, das Kalachakra, das bisher nur zweimal in Europa - in Zürich und Barcelona - stattfand, nach Graz zu holen. Der Geschäftsführer von Graz Tourismus, Dieter Hardt-Stremayr, hat seine Freude damit. In elf Tagen werden rund 10.000 Menschen erwartet. Hardt-Stremayr: "Die günstigeren Zimmer sind bereits ausgebucht. Jetzt füllen sich auch Vier- bis Fünfsternzimmer".

Ein solches Zimmer wird man "mit hoher Wahrscheinlichkeit" noch für US-Filmstar Richard Gere freihalten müssen. Der Tourismuschef erklärt: "Eine Organisation, der Gere vorsteht, wird Heinrich Harrer einen Friedenspreis überreichen. Wahrscheinlich wird das Gere selbst tun." Außerdem versäumte der praktizierende Promi-Buddhist so gut wie nie ein Kalachakra.

Bei dem Einweihungsritual in den tibetischen Buddhismus, das etwa einmal jährlich stattfindet, fungiert der Dalai Lama persönlich als Zeremonienmeister. Und nur er: Die elf Tage dauernde Zeremonie "Kalachakra - Das Rad der Zeit" ist das einzige Einweihungsritual, das der Friedensnobelpreisträger für eine große Öffentlichkeit abhält. Mit ihr bekommen Buddhisten die Erlaubnis, die Praxis einer speziellen Meditationsübung, des "Kalachakra-Tantra", zu beginnen. Der Hintergrund: Um alle Wesen vom Leid zu befreien, verfolgt man den Pfad der Erleuchtung. "Viele nehmen auch daran teil, nur um einmal im Leben den Segen des Dalai Lama zu erhalten", meint Organisator Manfred Klell.

Doch der friedvolle Charakter des Rituals wird auch infrage gestellt. Vor allem der "Shambhala-Mythos" im Kalachakra-Text, der sich auf das sagenhafte Königreich Shambhala bezieht, wird von Kritikern wie dem deutschen Autorenpaar Victor und Victoria Trimondi als wenig pazifistisch beurteilt. Im Gegenteil: Der Text beschwöre einen blutigen Religionskrieg zwischen Buddhisten und Nichtbuddhisten, der in einer "Weltbuddhokratie" enden solle.

Doch für viele Teilnehmer am Kalachakra-Ritual ist diese Kontroverse, wie dies eine interessierte Grazerin formuliert, zweitrangig: "Mir geht es hier nicht um Inhalte, sondern hauptsächlich um die positive Atmosphäre, die vom Dalai Lama ausgeht." (Colette M. Schmidt/Andrea König/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 11. 10. 2002)

  • Man muss die Dinge nur von der richtigen Seite sehen: Der Dalai Lama hatte schon 1998 mit dem Grazer Bürgermeister Alfred Stingl viel Spaß.
    foto: der standard

    Man muss die Dinge nur von der richtigen Seite sehen: Der Dalai Lama hatte schon 1998 mit dem Grazer Bürgermeister Alfred Stingl viel Spaß.

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